Dirk Schuster über Druck, Tradition und den Aufstiegskampf

»Darmstadt hat in der Bundesliga nichts verloren!«

Eigentlich wollte Darmstadt nur die Klasse halten. Nach 32 Spielen steht das Team aber auf einem Aufstiegsplatz. Wie haben Sie das gemacht, Dirk Schuster?

imago

Dirk Schuster, Sie haben heute einen kleinen Interviewmarathon hinter sich. Können Sie noch?
Klar, ich finde diese Aufmerksamkeit auch vollkommen in Ordnung. Es ist die Bestätigung dafür, dass wir diese Saison sehr gute Arbeit abgeliefert haben.
 
Im Winter 2014/15 sagten Sie in einem 11FREUNDE-Interview: »Für uns geht’s ums Überleben in der Liga«. Wie klingt der Satz heute für Sie?
Wie eine realistische Einschätzung. Sie wissen ja auch, wo wir herkommen. 2011 spielten wir noch in der Vierten Liga. Und zum Ende der Saison 2012/13 hielten wir die Dritte Liga nur, weil die Offenbacher Kickers keine Lizenz erhielten. Sportlich wären wir wieder abgestiegen. Im Herbst 2014 wäre es vermessen gewesen, über etwas anderes nachzudenken als über den Klassenerhalt.
 
Sie sagten auch: »Noch ein Jahr in der Zweiten Liga wäre toll.« Sie wären also nicht enttäuscht, wenn Darmstadt nur Vierter wird?
Auf gar keinen Fall, wir haben unser Ziel schließlich längst erreicht. Aber jetzt haben wir das Spiel gegen Greuther Fürth, und da wollen wir gewinnen. Natürlich war diese Saison nicht unbedingt zu erwarten, allerdings haben wir recht früh gemerkt, dass wir eine konkurrenzfähige Mannschaft haben und mit anderen Zweitligisten mithalten können.
 
Wenn Sie das letzte Jahr Revue passieren lassen: Was waren die wichtigsten Momente?
Zunächst die Relegationsspiele gegen Arminia Bielefeld. Da haben wir erstmals gespürt, was möglich sein kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Wichtig waren auch die ersten beiden Saisonspiele: Das 1:0 gegen Sandhausen, die sich gut verstärkt hatten. Und das Spiel in Ingolstadt, wo wir bis zur 93. Minute mit 2:1 geführt haben. Schließlich auch der Moment Ende Februar, als wir durch einen Sieg gegen Braunschweig die erhofften 41 Punkte auf dem Konto hatten.
 
Sie hatten Ihr Saisonziel also recht früh erreicht. Mussten Sie Ihre Mannschaft danach besonders motivieren, sich nicht zurückzulehnen?
Überhaupt nicht. Wir haben uns die Tabelle jedenfalls nicht übers Bett gehängt, sondern uns war klar, dass wir weiterhin so viele Punkte wie möglich holen wollten. Man darf bei der ganzen Euphorie auch nicht vergessen, dass vieles bei uns optimal lief: Wir hatten zum Beispiel kaum gesperrte oder verletzte Spieler. Im Gegensatz dazu haben einige andere Teams ihr Potenzial nicht abrufen können. Ich denke da an St. Pauli, Nürnberg, 1860 München oder Braunschweig. Mannschaften, die eigentlich in die Bundesliga gehören. 
 
Sie klingen wie ein Traditionalist.
Ein Stück weit bin ich das auch. Bei den genannten Vereinen spüre ich jedenfalls, dass etwas über Jahrzehnte gewachsen ist. Die Fans, die Stadien, die Liebe und Verbundenheit – das ist alles ganz anders...
 
...als in Leipzig?
Das will ich nicht beurteilen. Zumal das ein rein emotionales Empfinden ist. Von der Tradition her gehören die genannten Vereine in die Bundesliga. Aber ich bin kein Fantast, denn natürlich spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Und wenn die Leipziger am Ende der Saison auf einem der ersten drei Plätze gestanden hätte, wäre ein Aufstieg ebenfalls verdient.
 
Darmstadts Spieleretat betrug im Sommer 2014 fünf Millionen Euro. RB Leipzig hat nun Davie Selke für acht Millionen Euro verpflichtet. Spüren Sie Genugtuung?
Überhaupt nicht. Ich gucke eh nicht auf andere Vereine, zumal RB Leipzig in ganz anderen Gewässern fischt als Darmstadt 98. Uns macht es schlichtweg stolz, dass wir mit bescheidenen Mitteln da stehen, wo wir jetzt stehen.
 
Gehört Darmstadt denn in die Bundesliga?
Darmstadt würde ich aus der Diskussion am liebsten rauslassen. Dass ich für uns das Bestmögliche wünsche, ist ja klar. Rein emotional. Rein realistisch haben wir in der Bundesliga gar nichts verloren.
 
Aber in der ersten DFB-Pokalrunde haben Sie doch gemerkt, dass Sie sogar mit Bundesligisten mithalten können. Gegen den Pokalfinalisten VfL Wolfsburg verlor Darmstadt erst im Elfmeterschießen.
Das muss man relativieren. Wir hatten bereits zwei Spieltage absolviert, Wolfsburg kam ganz frisch aus dem Trainingslager. Zudem hatte Wolfsburg einige WM-Fahrer im Kader, die erst spät zur Mannschaft stießen. Wir haben jedenfalls nicht den Fehler gemacht, uns danach auf Augenhöhe mit Wolfsburg zu sehen. Das sind unterschiedliche Welten.