Dirk Jora von Slime über den FC St. Pauli und Nazis in der Westkurve

»Hamburg war united«

Politik machten sogar die Spieler. Erinnerst du dich noch an Volker Ippigs Auftritt im Sportstudio?
Dirk Jora: Ja, wie gestern. Ich glaube, Bernd Heller hieß der Moderator damals. Volker saß da mit seiner ausgebleichten Jeans und seinen Nicaragua-Aufbauhelfer-Botten. Heller, der Mann mit dem Klappscheitel, stocherte die ganze Zeit rum, fragte ständig, wie man das unter einen Hut bringen kann: Nicaragua, Linker, Hafenstraße, Profifußball. 

Es prallten zwei Universen aufeinander. 
Dirk Jora: »Das passt doch nicht«, stotterte Heller. Volker antwortete trocken: »Für mich schon.« Und danach sagte er auf jede Frage nur noch: »Ja«, »Nee«, »Nö«, »Stimmt«, »Genau«. Heller wurde zusehends nervöser und wir saßen vor dem Fernseher, jubelten und sind durch das Wohnzimmer gesprungen. Legendär! Ein wirklich legendäres Interview!

Viele Fans des HSV oder FC St. Pauli gehen in Hamburg zu Altona 93. Der Klub ist ihre Alternative zum Event des Profifußballs. Wie sieht es bei dir aus: Ist Altona auch für dich eine Option?
Dirk Jora: Ich gehe nicht zu Altona. Was soll ich da? Und was soll das: Altona 93 als Gegenprojekt aufbauen? Was ist das für ein Scheiß, Alter? Jedesmal wenn sie aufsteigen können, ziehen sie wieder zurück. Das ist doch alles Quatsch. Sowieso: Dieses ganze Gelaber von wegen »St. Pauli ist nicht mehr St. Pauli«. Meine Fresse! Da kannste auch sagen »Slime ist nicht mehr Slime « und »Punk ist nicht mehr Punk«. 

Für dich ist die Kommerzialisierung eine Entwicklung, die nicht an Vereinen oder Bewegungen vorbei gehen kann? 
Dirk Jora: Ich muss letztlich auch sagen: Ich bin Fußballfan und kein Pauli-Fan, ich hasse Pauli-Fans, denn Pauli-Fans ist es scheißegal, in welcher Liga ihr Klub spielt. Ich bin aber Fan des FC St. Pauli, und ich will meinen Verein erfolgreich spielen sehen. Ich will einmal diese Gurkentruppe von Celtic Glasgow im Europapokal raushauen und dabei beide Spiele gewinnen. 


Gurkentruppe? Du bist doch auch Celtic-Fan... 
Dirk Jora: Digger, ich bin mit Celtic in 16 Ländern und in 26 Städten gewesen. Litauen, Helsinki, ich war überall, ich war in Sevilla beim Uefa-Pokal-Finale, natürlich ohne Ticket, aber mit 80.000 Leuten in der Stadt, die alle keine Karte hatten. Ich bin seit 20 Jahren Celtic-Fan. Celtic hat für mich beinahe denselben Stellenwert wie St. Pauli. 

Wie fing das eigentlich an mit Celtic?
Dirk Jora: Ich fand den Verein schon lange faszinierend, er hatte diese Rebel-Attitüde. Und 1990 sind wir dann mit Sven (Brux, damals bei »Millerntor Roar«, d. Red.) und neun weiteren Leuten zu einem Auswärtsspiel nach Belgien gefahren...

...und dann standet ihr vor der Fankurve...
Dirk Jora: ...und sagten: »Hey wir sind aus Hamburg, St.Pauli. Wollen mal mit euch supporten.« Wir hatten auch unseren Celtic/St.Pauli-Banner dabei. Leichter Größenwahn natürlich, wir konnte ja nicht davon ausgehen, dass die Celtic-Fans den FC St. Pauli kennen. Celtic ist ja ein big club, der erste britische Europapokalgewinner. Eine Sache, die jeden ManUnited- und Liverpool-Fan so was von auf die Nüsse geht. Und was haben wir gewonnen? Den Odsett-Cup.

Nicht den Schweinske-Cup? 
Dirk Jora: Und den Schweinske-Cup. Wie auch immer: Dass wir 'ne Freundschaft mit einem big club haben, der in der Welt Millionen von Fans hat, ist schon abgefahren.

War diese Freundschaft am Anfang nicht eine sehr einseitige Sache? 
Dirk Jora: Klar, auch wenn wir von Beginn an gerne gesehen wurden. Es hieß immer: »Da kommen die Wahnsinnigen aus Hamburg vom Anti-Fascist-Club.« Wenn du in den ersten Jahren im Celtic-Park unter den 63.000 Zuschauern eine Totenkopf-Flagge gesehen hast, dann hast du den Halter angebetet. Doch es hat sich gewandelt: Wir waren 2010 beim »Old Firm«, und – ich will nicht lügen – da waren hunderte St.Pauli-Schals oder Fahnen im Stadion. 

Ist es eigentlich ein Problem für dich, dass du nicht mehr so nah am Klub und am Fußball bist wie früher? 

Dirk Jora: Ich bin ja bewusst nicht mehr so involviert. Allerdings, und das habe ich schon häufiger gesagt: Für mich heißt ein geputztes Klo nicht gleich Yuppie. Solange es das Jolly (Jolly Roger, Kneipe am Millerntor, d. Red.) gibt, USP, die alte »Singing Area« in der Gegengeraden, solange da Leute sind, die auch mal das Maul aufmachen, finde ich es immer noch angenehmer als überall sonst. Guck dir andere Vereine wie Schalke 04 an. Da haben sie ohne Probleme so 'ne Scheiße wie den Geldchip durchgesetzt. Beim FC St. Pauli aber haben sich die Leute mit Erfolg gegen den »Millerntaler« aufgelehnt. Insofern ist man hier immer noch näher dran – ob man will oder nicht – als bei anderen Klubs.

Wo stehst du heute? 
Dirk Jora: Ich bin vor sechs Jahren mit vielen älteren Leuten aus der Gegengeraden geschlossen auf die Haupttribüne gegangen. Du hast halt deinen Platz. In der Gegengerade war es doch so: Du gehst einmal pissen und hast das halbe Spiel verpasst. Das hat einfach genervt. Oder du stehst unten und guckst gegen den Zaun, alles kacke. 

Was hältst du von Ultra Sankt Pauli?
Dirk Jora: USP ist ein Knackpunkt. Wie viele Leute aus meinem Umfeld habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu denen. Klar, sie diktieren die Stimmung im Stadion. Das kann man erstmal scheiße finden, man kann aber auch sagen: Das haben wir mit dem »Millerntor Roar«  damals auch getan. Wir haben den Verein in die linke Richtung geschickt. Außerdem kann man USP zugute halten, dass sie dem Verein die Stange halten. In diesen dunklen Regionalliga-Jahren wäre am Millerntor nichts los gewesen, wenn USP nicht für Stimmung gesorgt hätte. Gar nichts! Da saßen 12.000 Leute, und die haben die Klappe gehalten. Allerdings ist es auch so, dass sich USP mit ihren Dogmen sehr abgrenzt und ihr eigenes Ding fährt. Das kann schon mal nerven.

Gehen wir mal in den Fanblock rein: Der Verein ist gewachsen, die Fans sind jetzt auch Kult. Viele Leute regen sich darüber auf. Aber wie ist denn die Stimmung tatsächlich? Hat die sich auch geändert? 
Dirk Jora: Es gibt seltener die Momente, in denen das Stadion gemeinsam Alarm veranstaltet. Einige sagen, es liegt an USP, an diesem speziellen spielunabhängigen Support, der mir auch manchmal auf die Eier geht. Seit dem Auszug von USP aus der Gegengrade ist es allerdings wieder besser geworden. Jetzt gibt es sogar hin und wieder Wechselgesänge.  

Glaubst du, dass eines Tages der Punkt kommt, an dem du sagst: Ich gehe nicht mehr hin? 
Dirk Jora: Nein, niemals. Auch wenn ich diesbezüglich ein wandelnder Running Gag bin. ich habe dreimal meine Dauerkarte verkauft. Einmal für zwei Bier und einen Wodka. Ich hatte die Faxen so was von dicke. Allerdings hab ich es genau zwei Spiele geschafft. Dann musste ich mir wieder ein Ticket nachkaufen, weil ich es nicht ausgehalten habe. Hass und Liebe liegen eben eng beieinander.

Zumindest zwei Mal gab in den letzten Jahren das Duell St. Pauli gegen den HSV. Kam bei dir, der seit Jahren das Old Firm besucht, überhaupt richtige Derbystimmung auf?
Dirk Jora: Das »Old Firm« ist das geilste Derby der Welt, klar. Auch auswärts. Im Ibrox Park war ich zum ersten Mal an meinem 47. Geburtstag . Es war der Hammer! Wir gewannen 1:0. Später sagte ich zu meiner Freundin: »Danke Schatz, du hast mir echt eine tolle Torte gebacken und mir einen schönen Schal gestrickt. Aber das Tollste was ich je zu meinem Geburtstag bekommen habe, war ein 1:0 im Ibrox Park.« Und trotzdem freue ich mich auf Hamburger Derbys, vor allem, weil wir jahrelang kein wirkliches Derby in der Stadt hatten. Wir spielten mit dem FC St. Pauli einige Zeit gegen die zweite Mannschaft des HSV. Gewannen manchmal sogar. Aber sollte ich mich darüber freuen? Das ist doch erbärmlich. 

1977, beim St. Pauli-Sieg gegen den HSV, standest du in Block E. 
Dirk Jora: Irgendwie bitter. Wobei damals noch nichts zu hören war von Nazigesängen. Viele Leute um mich herum feuerten sogar St. Pauli an und nach dem Spiel sagten einige: »Die Punkte bleiben wenigstens in Hamburg«. So ist das 1977 gewesen – Hamburg war united.

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Dirk Jora, 56, ist Sänger der einflussreichen deutschen Punkband Slime, die zunächst von 1979 bis 1994 existierte und sich letztes Jahr wiedervereinigte.