Dirk Jora von Slime über den FC St. Pauli und Nazis in der Westkurve

»FC St. Pauli war ein alter Schnarchsack-Klub«

Das faszinierte dich? 
Dirk Jora: Ja klar, diese Kutten, die langhaarigen Typen, dieses Ganggehabe – das fand ich aufregend. Es war diese Punk-Phase, es war Terror gegen das System, es war die Zeit der RAF, wir waren gegen alles. Dieses Gangding fand ich auch später noch geil. Zum Beispiel die Fahrten mit dem schwarzen Block zu Auswärtsspielen von St. Pauli. Fühlte sich immer gut an. 

Wann kippte die HSV-Westkurve denn nach rechts? 
Dirk Jora: 1979/80 etwa. Die Löwen haben versucht, die Sache zu strukturieren. Ich erinnere mich noch an 'ne »Löwen«-Sitzung in einer KPD-Kneipe. Muss man sich mal vorstellen: Unter Marx und Lenin haben diese Idioten diskutiert. Unglaublich! Wir waren raus, auch weil sie dort anfingen, konkret mit REPs und NPD zusammenzuarbeiten. Der Ausstieg lief schnell: Kutte abgegeben, als Kommunistenschweine beschimpft worden – weg. 

Heute sagen HSV-Fans häufig: »Hättet ihr doch was gemacht!« Warum habt ihr euch nicht gewehrt? 
Dirk Jora: In der hundertsten Ausgabe vom »Übersteiger« (Fanzine des FC St. Pauli, d. Red.) durften auch Leute vom HSV zu Wort kommen, zum Beispiel die Ultragruppe Chosen Few. Und die pissten mich in ihrem Text genau mit diesem Satz an: »Hättet ihr damals...«. Nee, hätten wir nicht! Wenn der common sense in einem 50.000er Stadion rechts bis rechts-außen ist, was willst du da mit 30 Leuten machen? Da kriegst du richtig auf die Fresse. Natürlich haben wir es versucht, doch haben dann gemerkt, dass wir nicht nur die 50.000 Leute gegen uns haben, sondern auch die Vereinsführung, die überhaupt nichts hören und nichts sehen wollte.

Auf der Slime-Platte »Yankees raus« erschien der Song »Block E«. Das war 1982, also zwei Jahre, nachdem die Kurve nach rechts gekippt war.
 Du bist zu der Zeit auch nicht mehr zum HSV gegangen.
Dirk Jora: Ach, das war ein alter Song. Der lag schon seit den Siebzigern in der Schublade. 

Wie haben die Leute in der Kurve reagiert? 
Dirk Jora: Das bekam nur ein kleiner Kreis von Leuten mit. Allerdings hat der Song im Nachhinein Wirkung erzielt. Vor einigen Jahren erschien ein HSV-Sampler, der sich »Volkspark Calling« nennt. Die Macher fragten an, ob wir das Lied beisteuern wollten. Nach langer Überlegung und vielen Gesprächen mit dem »HSV Supporters Club« sagten wir schließlich zu. 

Um was ging es in diesen Gesprächen? 
Dirk Jora: Die HSV-Supporters haben mir beweisen können, dass sie Sonderzüge gestoppt haben und Faschos auf offener Strecke rausgeschmissen haben. Wir entschieden also, dass uns die antifaschistische Haltung wichtiger ist als die Farbe irgendeines Schals. Natürlich gab das viel Mecker von USP (Ultra Sankt Pauli, d. Red.). Für mich war unser Beitrag in Form dieses Songs aber ein Zeichen von Respekt. Ich habe gemerkt, dass sich die Supporters beim HSV wirklich bemühen, die Rechten aus dem Stadion zu halten. 

In der Saison 2010/2011 gab es Bemühungen der NPD, HSV-Fans für sich zu gewinnen. Sie stießen auf Ablehung. 
Dirk Jora: Zuvor gab es den Überfall von mehreren Rechten auf unsere Fans und unseren Torwart Benedikt Pliquett. Doch ich muss sagen, dass sich Chosen Few und die Supporters beim Derby-Hinspiel gut dazu verhalten haben. Sie entrollten ein Transparent, auf dem zu lesen war: »NPD – wir scheißen auf eure Solidarität«. Eine klarere Aussage kann man nicht treffen. 

Es heißt immer wieder: Einen Verein kannst du nicht wechseln. Trotz dem Frust beim HSV: Wie schwer fiel es dir Anfang der achtziger Jahre, dich emotional komplett zu lösen? 
Dirk Jora: Es gibt heute noch viele Leute, die sagen: »Mensch Dirk, jetzt sei doch mal ehrlich: Du schaust doch immer noch nach dem HSV!« Ja, ich bin ehrlich, ich bin so abgeheilt, ich bin so braun-weiß wie man nur braun-weiß sein kann. Und das schon seit 25 Jahren. Es war ja auch nicht nur die Nazischeiße in der Kurve, es waren auch die Spieler, der Klub, dieses elitäre Gehabe. Da hast du sogar einen schwarzen Spieler in der Mannschaft, Jimmy Hartwig, und der macht Werbung für die CDU. 

Wann bist du denn zum ersten Mal ans Millerntor gegangen? 
Dirk Jora: Saison 1983/84. Da waren 2000 Zuschauer, dazu 70 bis 80 von uns. In der darauffolgenden Saison kam Mabuse mit der Totenkopf-Flagge. Die haben wir auf dem Dom gekauft, an einen Besenstil gehackt und dann ab ins Stadion. In der Kurve alle so: »Wow, Alter!« Heute ist das Symbol der Kassenschlager. Hätte Mabuse sich das mal sichern lassen, dann würde er nicht von Hartz IV leben.

Mit einem Mal stand beim FC St. Pauli also eine Horde von neuen Fans. Gab es keine Widerstände im Verein?

Dirk Jora: Natürlich. Der FC St. Pauli war ein alter Schnarchsack-Klub mit rechten Tendenzen. Die Leute guckten dumm, sagten: »Die riechen aber komisch.« Oder: »Guck mal da, die haben ja komische Klamotten an.«

Nach kurzer Eingewöhungszeit seid ihr auf den Manager zugegangen, um eure politischen Ziele vorzutragen.
Dirk Jora: Das war vier, fünf Jahre später. Es ging vornehmlich um die Reichskriegsflaggen, die immer noch am Millerntor verkauft wurden. Wir sagten: »Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir hauen die Stände weg oder du gehst einmal um das Stadion und machst 'ne Ansage.« Beim nächsten Spiel waren die Dinger tatsächlich weg.

Da spürtet ihr erstmals eure Macht? 
Dirk Jora: Absolut. Wir haben den Verein auch gezwungen, ein Freundschaftsspiel gegen Galatasaray zu machen. Nach dem Spiel musste die gesamte Mannschaft mit Anti-Rassismus-Plakaten über den Platz laufen. Das war ein Novum.

Ihr habt mit dem Fanzine »Millerntor Roar« auch schnell ein Sprachrohr gehabt. Wie wichtig war das?
Dirk Jora: Sehr wichtig. Du brülltest deine Parole nicht mehr gegen den Wind, sondern du hattest tatsächlich dein Medium, das auch gelesen wurde. Dabei war es in erster Linie wüstes Fanzine-Machen: Kleber, Schere, Schreibmaschine, Papier. Dazu noch die endlosen Diskussionen. Redaktionssitzungen nennt man das heute. 

Wurde über Fußball diskutiert? 
Dirk Jora: Weniger. Es ging fast immer um Politik. Für mich ein bisschen zu häufig. War ja alles schön und gut, aber es geht immer noch um die Emotionen. Wenn das Runde nicht in das Eckige geht, dann nützt mir die ganze Politik nichts!