Die Tragödie eines brasilianischen Fußballklubs

»Wir wollen auch Hoffnung machen«

Im November 2016 sterben bei einem Flugzeugabsturz 71 Menschen, darunter fast alle Profis der AF Chapecoense. Zwei Brüder haben über diese Tragödie einen ergreifenden Film gedreht.

PROMO

»Alles war dunkel. Es gab keine Durchsage. Jemand rief: ›Um Himmels willen, was ist los?‹« – »Die Motoren waren ausgegangen. Wir hörten nur den Wind.«

Dann ist es still, und die Kinoleinwand ist schwarz. In der nächsten Szene sehen wir Überlebende, die mit zittriger Stimme von dem Flugzeugabsturz erzählen. Weinende Witwen und Eltern. Eine ganze Stadt in einem Meer aus Tränen. Dazwischen immer wieder Originalaufnahmen, Nachrichtensprecher, Handyvideos, Audioaufnahmen der Flutlotsen.

Der Film »Unser Team – Nossa Chape«, der den Jurypreis beim 11mm-Festival gewonnen hat und heute bundesweit im Kino anläuft, ist an einigen Stellen schwer verdaulich. Es ist ein Film über eine Tragödie und eine Wiederauferstehung. Es ist die traurigste Geschichte des Fußballs – und die ergreifendste zugleich.

Er erzählt die Geschichte der AF Chapecoense, einem kleinen Klub aus dem Süden Brasiliens, der am 28. November 2016 bei einem Flugzeugabsturz beinahe komplett ausgelöscht wurde.

Reportage über die Tragödie der AF Chapecoense >>

Die Mannschaft hatte zuvor Sensationelles geschafft. Innerhalb von sechs Jahren war sie von der vierten in die erste Liga aufgestiegen, und an jenem Tag im November waren die Spieler auf dem Weg zum größten Spiel ihres Lebens: dem Finale der Copa Sudamericana. »Es ist ein Abenteuer, das einen ganzen Kontinent staunen lässt«, schrieb der südamerikanische Fußballverband Conmebol auf seiner Homepage.


Internationaler Trailer. Zum deutschen Trailer geht es hier >>

Erzählt haben diese Geschichte die Brüder Michael und Jeff Zimbalist, die mit »The two Escobars« und »Pele« schon andere sehenswerte Fußballfilme gemacht haben.

Obwohl: Ist dieser Film überhaupt ein Fußballfilm, Michael und Jeff Zimbalist?
Michael Zimbalist: Es ist ein Film über Menschen. Fußball ist nur das Vehikel, über das ihre Geschichte erzählt wird.
Jeff Zimbalist: So ist es auch in den anderen Filmen von uns. Es geht nie nur um den Sport. Die Filme zeigen einen Mikrokosmos, der das große Ganze reflektiert.

Besonders die ersten Minuten Ihres Films sind harte Kost. Wie reagieren die Zuschauer auf den Film?
Michael Zimbalist: Sie wissen vorher, dass sie keine Popcorn-Abendunterhaltung erwartet. Oft blickt man nach der Vorführung in verweinte Gesichter. Aber der Film will  auch Hoffnung machen. Er möchte zeigen, wie man mit Trauer und Verlust umgehen kann – und wie es nach so einer Tragödie weitergehen kann. 


Jeff (40) und Michael Zimbalist (39) aus Northampton, Massachusetts haben u.a. Filme wie »The two Escobars«, »Momentum Generation« und »Pelé« gemacht. Einer ihrer Lieblingssportfilme ist »When we were kings«, ein Film über Muhammad Alis Kampf gegen George Foreman.

Wie lange waren Sie in Chapeco?
Jeff Zimbalist: FOX fragte uns schon wenige Tage nach dem Unglück an, ob wir Interesse an dieser Geschichte hätten. Der Sender hatte selbst sechs Mitarbeiter bei dem Unglück verloren. Ein paar Wochen später flogen wir runter. Der ursprüngliche Plan war es, einen Monat zu bleiben. Dann verlängerten wir bis zum ersten Spiel im März 2017. Aber plötzlich hatten sich so viele neue Narrative und Erzählstränge ergeben, dass wir FOX vorschlugen, noch länger zu bleiben und einen großen Film aus dem Stoff zu machen.

Der Verein öffnete Ihnen mehrere Monate alle Türen. Auch die Menschen, traumatisiert und paralysiert, lassen Sie an ihren Gefühlen teilhaben. Hätten Sie das erwartet?
Michael Zimbalist: Ein Vorteil war es, dass wir die Region kannten. Wir haben mehrere Jahre in Kolumbien und Brasilien gelebt. Außerdem haben die Menschen und der Klub recht bald gemerkt, dass wir keine Nachrichtenjournalisten sind, sondern ihnen Raum geben wollten, ihre Geschichte zu erzählen. Viele suchten damals auch nach Wegen, die Verstorbenen zu ehren und ihnen zu gedenken. Der Film schien ihnen eine Möglichkeit dafür zu sein.

Über die Tragödie wurde weltweit berichtet. Die Stadt war voller Journalisten, als Sie ankamen. Wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt und den Menschen?
Jeff Zimbalist: Die erste Reaktion auf so eine Tragödie ist Schock. Und so fühlte es sich an: Die Menschen und die Stadt standen unter Schock. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem die Menschen sich fragten, wie es weitergehen kann. In Chapeco bildeten sich zwei Lager. Die einen wollten die Erinnerung an die Verstorbenen hochhalten, die anderen ließen das Gedenken eher in den Hintergrund rücken. Wir zeigen beide Seiten, ohne dabei zu sagen: So ist es richtig, so ist es falsch.

Wie es heute, wenn man ein Spiel im Heimstadion der AF Chapecoense besucht? Ist die Trauer noch allgegewärtig?  
Jeff Zimbalist: Ich war länger nicht mehr bei einem Spiel. Aber auch als Unwissender würde man merken, dass etwas anders ist als bei anderen Vereinen, dass dieser Klub eine Tragödie erlebt hat. Spätestens in der 71. Minute, wenn die Fans den 71 Toten mit einem anhaltenden Applaus gedenken.

»Unser Team – Nossa Chape« läuft ab heute bundesweit im Kinos an.