Die RWE-Macher im Interview

»Mit großer Fresse ist noch keiner aufgestiegen«

Rot-Weiss Essen ist der Inbegriff des gefallenen Traditionsklubs. Sportchef Uwe Harttgen und Vorstand Michael Welling über ein Leben mit dem Handicap und Wege aus der Tristesse.

Theodor Barth
Heft: #
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Dr. Uwe Harttgen, Dr. Michael Welling, wir vereinbaren, dass jegliche Verwendung des Begriffs „schlafender Riese“ in diesem Interview eine Runde Pommes Rot-Weiß kostet?
Welling: Einverstanden. Den Begriff würde ich ohnehin nur spöttisch-ironisch benutzen. Um ihn noch ernsthaft auf Rot-Weiss Essen anzuwenden, warten wir hier schon zu lange darauf, wachgeküsst zu werden. Wir sind längst kein Dornröschen mehr.

Gibt es Begriffe, die sich für Rot-Weiss Essen besser eignen …
Harttgen: … als?

Genau, als …
H.: (Lacht.)
W.: Mein Doktorvater hat gesagt: »Wer immer nur von riesigen Potentialen spricht, ohne dass sich was ändert, macht viel falsch.«
H.: Fans sollen träumen. Träume sind gut und wichtig. Aber unsere Realität heißt vierte Liga, damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Ist es ein Vorteil, dass nach der Insolvenz 2010 und Jahren, in denen das Geschäftsgebaren von RWE nicht immer seriös war, nun zwei Promovierte den Klub repräsentieren?
W.: Wir rennen beide nicht mit dicker Hose rum, nur weil wir promoviert sind.
H.: Dafür habe ich den Doktor bestimmt nicht gemacht.
W.: Aber möglicherweise sorgt ein Titel über dreizehn Ecken bei dem ein oder anderen unterbewusst dafür, dass er denkt: »Da hat sich in der Führungsetage von Rot-Weiss Essen wohl etwas getan.«

Rot-Weiss Essen ist der vielleicht proletarischste Klub, den es in Deutschland gibt. Wie kommen die Doktoren in der Westkurve an?
W.: Akademische Titel werden hier seit Anfang der Neunziger eher skeptisch gesehen. Damals veranschlagte ein RWE-Präsident einen Doktor-Titel für sich, den er sich eher guttenbergartig erschlichen hatte. Ein Problem, das sich ergab, als nun Uwe hier anfing, war, dass mich viele Fans »Doc« riefen. Nun fragten einige, wie sie weiterverfahren sollten: »Doc wi« und »Doc spo«?

RWE versteht sich als Traditionsklub, doch die letzten Dekaden sind geprägt von Pleiten, Pech und Pannen. 2006 spielte der Klub das letzte Mal in der zweiten Liga. 2010 war RWE insolvent. 2012 gab es einen Wettskandal. 2013 wurde die Eröffnung des neuen Stadions von einem Wasserschaden überschattet. Aktuell steht ein Spieler wegen Dopings vor dem Sportgericht. Es scheint, als sei der Klub ein ständiges Provisorium?
W.: Ich würde nicht von einem Provisorium sprechen. Die Realität ist: Wir sind ein Verein in einem unfassbar schönen Stadion, der sich in der vierten Liga mit einem aktuellen Zuschauerschnitt von über 9000 behaupten will.
H.: Wir sind zweifellos ein ambivalenter Klub: Fußballleidenschaft und deutschlandweite Bekanntheit stehen im Gegensatz zu Insolvenz und der Realität in der Regionalliga. Der Verein lebt ständig mit dem Handicap. Aber gerade das macht es so spannend, hier zu arbeiten.

Sie sind Herbstmeister in der Regionalliga. Sie behaupten sich ganz gut.
H.: Ich kann aber nicht einfach in den großen Topf langen und auswählen, welche Spieler ich haben will. Ich muss kreativ sein, um den Klub voranzubringen.
W.: Wir hatten Spieler aus den U23-Teams der Bundesligisten zum Vorstellungsgespräch hier, denen blieben die Münder offen stehen, als sie hörten, wie wenig sie in Essen verdienen können.
H.: Wegen des Geldes kommt keiner hierher. Dennoch ist es uns gelungen, charakterstarke Spieler mit unseren Möglichkeiten als Verein überzeugen.


Wie hoch ist der aktuelle Spieleretat?
W.: Beim Gesamtetat sind wir in der Regionalliga West – abgesehen von den Amateurteams der Bundesligisten – in der Spitzengruppe. Bei den Aufwendungen für die erste Mannschaft aber liegen wir deutlich hinter den U23-Teams und alimentierten Klubs wie Viktoria Köln.

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