Die Gefahren der Pyro-Technik

»Schon 10 Gramm reichen«

Nach den Vorfällen im Nürnberger Fanblock beim Auswärtsspiel in Bochum am letzten Samstag diskutieren die Fans über Pyrotechnik im Stadion. Wir befragten Lutz Kurth von der Bundesanstalt für Materialforschung zur Thematik. Die Gefahren der Pyro-Technik

Am 14. und 15. Januar findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche lest hier auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur. Ihr findet alle Berichte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Das folgende Interview wurde erstmals im März 2010 veröffentlicht.

Herr Kurth, was genau machen Sie?


Wir sind für die Zulassungsbestimmungen von allen pyrotechnischen Gegenständen zuständig und überprüfen die enthaltenen Chemikalien. Darüber hinaus erstellen wir Gutachten, betreuen Unfalluntersuchungen bei Herstellerfirmen, aber auch im Alltag. In den meisten Fällen, die vor Gericht gehen, auch bei Sylvesterunfällen, werden wir vorher befragt.

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Also sind Sie bei der aktuellen Diskussionen rund um die Vorfälle in Fußballstadien sehr gut informiert.


Wir stehen da in Kontakt mit dem LKA und BKA. Diese informieren sich bei uns über die Zulassung und die eventuelle Herkunft von Pyroartikeln aus den Stadien.

Welche Pyroartikel gibt es denn verbreitet in Fußballstadien?


Vor allem die bengalischen Lichter, aber auch Rauch- und Nebelmittel.  Problemtisch dabei ist, dass diese gar nicht für Europa zugelassen sind, sondern aus dem Internetverkauf stammen. Diese Pyroartikel sind dann vergleichsweise leicht zu erwerben, unterliegen aber keiner eingehenden Prüfung.

Am vergangenen Wochenende, als mehrere Fans verletzt wurden, ging es um Magnesiumpulver. Wie gefährlich ist dieses Pulver?

Magnesiumpulver hat eine unheimlich hohe Verbrennungstemperatur. Außerdem kann sich eine Staubwolke entwickeln, und wenn diese entzündet wird, kann es zu einer Explosion kommen. Magnesiumpulver zählt nicht unbedingt zur Pyrotechnik, doch die Gefahr dieses Pulvers ist natürlich auch bekannt.

In welchen Mengen wird es denn gefährlich?

Da braucht man nicht viel. Mitunter reichen 10 bis 15 Gramm. Wenn die angezündet werden, kann es schon einen schlimmen Feuerball geben. Wenn es sich in der Luft verteilt und abbrennt, ist jeder in unmittelbarer Nähe betroffen.

Bleibt es dann bei Verbrennungen oder sind schwerwiegendere Verletzungen auch möglich?

Der Normalfall sind Verbrennungen, doch sollte es zu einer Staubexplosion kommen, sind Gehörschädigungen und Lungenschädigungen möglich. Doch die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering.



Wie verhält es sich mit den bengalischen Lichtern?


Sie erzeugen das grelle Licht und rauchen dazu noch ab. Dadurch entsteht eine unglaubliche Hitze, dementsprechend ist die Brandgefahr auch ziemlich hoch. In unmittelbarer Nähe werden bei Einatmung der Gase auch Probleme in den Atemwegen die Folge sein. Man sollte sich auf keinen Fall in den Rauch hineinstellen, doch im Stadion haben die meisten doch gar keine Chance, dem Rauch auszuweichen.

Gibt es denn eine Form der Pyrotechnik, die absolut ungefährlich ist?

Im Stadion nicht. Rauchfreie bengalische Lichter gibt es, aber diese werden nicht gekauft, weil sie sehr teuer sind. Ich würde in diesem Zusammenhang überhaupt nichts empfehlen.

Sie sagten bereits, dass die meisten Gegenstände im Internet verkauft werden. Hat Ihre Einrichtung überhaupt noch Möglichkeiten einzuwirken?


Nein, wir sowieso nicht. Die örtlichen Behörden und das BKA sind dafür zuständig. Wir haben nur beratende Funktion. Auch die Polizei hat unheimliche Schwierigkeiten, sämtliche Aktivitäten in dieser Richtung zu überwachen.

Könnte man nicht aber Angestellte aus Ihrem Team in die Kontrollen vor Bundesligastadien als Experten mit einbeziehen?


Da gibt es eine klare Gewaltenteilung, das obliegt den Bundesländern. Wir werden als Bundesanstalt für Materialforschung nicht herangezogen.

In Deutschland hat der Fall der Nürnberger Fans Aufsehen erregt. Derweil ist Pyrotechnik in anderen Ländern an der Tagesordnung. Ist die Reaktion in Deutschland überzogen?

In den meisten Ländern werden keine Statistiken über die Unfälle und Verletzungen mit solchen Gegenständen geführt. In den wenigen Ländern, wo es diese Statistiken gibt, sieht man deutlich, dass es sehr viele Verletzungen und Unfälle in Zusammenhang mit Pyrotechnik gibt. Deswegen ist die Reaktion in Deutschland absolut angemessen.

Es wird diskutiert, dass Zonen eingerichtet werden, in denen Bengalos dann abgebrannt werden. Ist das eine sinnige Lösung?

Wenn es genug Platz gibt, um der Rauchentwicklung auszuweichen, ist das ok. Aber das ist in den meisten Stadien nicht möglich, deswegen bleibt die Gefahr bestehen.