Der große St.Pauli-Roundtable mit Fettes Brot, Oke Göttlich und Ewald Lienen

»Beim HSV wäre es schwieriger für Ewald«

Oke Göttlich, schaffen Sie es eigentlich immer rechtzeitig aus dem Schnittchenbereich auf die Tribüne?
Oke Göttlich: Ich habe dort manchmal Verpflichtungen, aber meistens wandere ich während des Spiels durchs Stadion. Ich gehe zuerst auf die Gegengerade, Block 1. Dann setze ich mich auf die Treppe oder das Treppengeländer, an der Südkurve.
König Boris: Bis die Ordner kommen...
Oke Göttlich: ...um mich zu verscheuchen, genau. Dann sage ich: »Ich muss hier jetzt sitzen.« Vor allem bei Spielen, die besonders nervenaufreibend waren. Gegen Nürnberg am 29. Spieltag zum Beispiel, als Lasse Sobiech in der 90. Minute den Flugkopfball reinmacht.
König Boris: Boah!
Oke Göttlich: Da wäre ich fast vom Geländer gekippt und hätte dann sicherlich abtransportiert werden müssen.
 
Können Sie mit Ewald Lienen ganz normal Fußball gucken?
Oke Göttlich: Klar. Er ist dann auch kein Nerd oder Besserwisser, er ist dann Zuschauer, Fußballfan. Er liebt das Spiel und hat durchaus rangnicksche Perfektionszüge. Ewald liebt aber auch die Kultur.
 
(Ewald Lienen betritt in den Raum)
 
Ewald Lienen, was meinen Sie denn, wie sich der Fußball entwickeln wird? Wie viel Subkultur braucht der Fußball?
Ewald Lienen: Ach, ein 11FREUNDE-Thema! Bevor ich mich auf die unqualifizierte Frage einlasse, möchte ich mich erst mal bei Fettes Brot bedanken. Auch wenn mir das Lied ein bisschen unangenehm ist.
Dokter Renz: Als wir erfuhren, dass du Trainer wirst, kam uns sofort die Idee mit einer Neuinterpretation des alten Nationalgalerie-Songs »Evelin«. Der lag dann lange in der Schublade, bis der richtige Moment kam.
Björn Beton: Ich habe gehört, du bist Fan von Hannes Wader.
Ewald Lienen: Ja logisch, der kommt auch aus Bielefeld. Allerdings habe ich ewig keine Platte mehr von ihm gehört.
Oke Göttlich: Aber Lieder gesungen.
Ewald Lienen: Stimmt, im Sonderzug über Mikrofon, auf dem Weg von Darmstadt nach Hamburg. Back to the roots. Mir gegenüber stand ein Fan, der war ganz scharf auf Hannes Wader. Wir also sofort hin zum DJ, und der fragt nur: »Wer ist das denn?« (Lacht.)


»Es geht auch um das Menschliche«

(König Boris, Oke Göttlich, Björn Beton, Ewald Lienen, Dokter Renz, Foto: Yannik Willing)
 
Können Sie etwas mit Heldenkult anfangen?
Ewald Lienen: Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, dass du mal abgefeiert und mal abgewatscht wirst. Ich habe das alles schon erlebt – aber ich verfalle weder in Jubelstürme noch versinke ich in Depression. Ich kann das alles gut einschätzen.
 
Inwiefern ist der Umgang mit Helden oder Profis beim FC St. Pauli ein anderer als bei Ihren früheren Vereinen?
Ewald Lienen: Es ist natürlicher. Hier unterhalte ich mich jedenfalls wirklich auf einer anderen Ebene. Es geht nicht nur um Siege oder das Spiel an sich, es geht auch um das Menschliche.
 
Was meinen Sie?
Ewald Lienen: Viele Fans kennen mich noch aus der Vergangenheit und die respektieren, was ich früher außerhalb des Fußballs gemacht habe. Deswegen sprechen wir auch über andere Dinge, deswegen steht nicht der vermeintliche Star oder angebliche Held im Vordergrund, sondern ein Thema, das oft genug nicht nur mit dem Fußball und den aktuellen Ergebnissen zu tun hat.
 
Wie war Ihre Reaktion, als Sie von der Verpflichtung Ewald Lienens erfahren haben?
König Boris: Ich war sehr überrascht. Sowohl über den Zeitpunkt als auch über die Personalie. Aber dann fand ich es super. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Zeit für eine gestandene Trainerpersönlichkeit beim FC St. Pauli reif war. Wir brauchten einen Mann mit Erfahrung, der nicht so schnell panisch wird.


»Ich habe gehört, du bist Fan von Hannes Wader«
(König Boris, Oke Göttlich, Björn Beton, Ewald Lienen, Dokter Renz, Foto: Yannik Willing)

Nach Außen wirken Lienen und St. Pauli seit jeher wie die ideale Kombination. Warum ist vorher nie jemand auf die Idee einer Verpflichtung gekommen?
Ewald Lienen: Ja, Oke, sag doch mal. (Lacht.)
Oke Göttlich: Vielleicht sind die Leute zu skeptisch, wenn jemand zu lange dabei ist. Ich habe mich kurz nach Ewalds Verpflichtung mal mit dem ehemaligen HSV-Vorstandsvorsitzenden Carl Jarchow getroffen. Jarchow sagte: »Wir haben uns immer wieder mit Ewald beschäftigt, aber wir haben uns nicht getraut.«
 
Was haben Sie geantwortet?
Oke Göttlich: Gar nichts. Aber ich kann schon nachvollziehen, dass es beim Nachbarn vielleicht schwieriger für Ewald geworden wäre. Von daher kann ich die Reaktion von Herrn Jarchow gut nachvollziehen.