Der große St.Pauli-Roundtable mit Fettes Brot, Oke Göttlich und Ewald Lienen

»Wie Ralf Rangnick das lebt, ist das seine Subkultur«

Die aktiven Fans sehen solche Deals naturgemäß trotzdem kritisch. Wie stehen Sie zur Ultrakultur beim FC St. Pauli?
Dokter Renz: Wir gucken uns das ganze Spektakel von der Haupttribüne an, und da denken wir immer, es könnte noch lauter sein, es könnte noch mehr gesungen werden, es könnte noch mehr Fahnen geben, es könnte mehr Performance geben. Insofern werde ich mich hüten, die Ultras als Partydiktatoren zu diffamieren.
 
Aber sie diktieren die Gesänge.
Dokter Renz: Manchmal finde ich die Dauerschleife auch nervig. Aber grundsätzlich kommen da oft großartige Aktionen zustande, bei denen ich mich oft frage: Wie haben die das in zwei Wochen bitte zusammengenäht? So viel Leidenschaft für seinen Klub aufzubringen – das finde ich beeindruckend.
König Boris: Auch da muss man differenzieren. Die Ultras sind ja auch nicht alle gleich, nur weil sie sich Ultras nennen. Ich finde, die machen viele tolle Sachen. Es gab aber auch Aktionen, die waren richtig scheiße. Wenn ich da an die Südtribünen-Blockade bei dem Rostock-Spiel denke. Das fand ich absolut unmöglich.
Oke Göttlich: Wie antworte ich auf diese Frage, ohne vom Mainstream als Ultra-Freund abgestempelt zu werden? Aber es ist einfach so: Die Ultras sind ein wichtiger Bestandteil, um Haltung zu demonstrieren. Auch bundesweit sind sie sehr wichtig in den großen Fragen des Fußballs: Wie sieht unsere Zukunft aus? Wollen wir den sterilen, fremdbestimmten Fußball weiter fördern? Allein weil die Ultras für einen mitgliederbestimmten Fußball plädieren, kann ich viele Positionen nachvollziehen. Unsere Fanszene ist aber zu groß und unterschiedlich, als dass man eine Fangruppe hervorheben sollte.
 
Wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen des Fußballs nicht gutheißt, wird man schnell als Nostalgiker abgestempelt. Wie ist es dazu gekommen?
Dokter Renz: Da möchte ich eine Parallele zu HipHop ziehen. Als wir mit der Musik anfingen, zu Beginn der Neunziger, gab es viel Gestaltungsfreiraum. Trotzdem übertrieben es einige Hardliner mit ihrem Dogmatismus. Oft wurde darauf verwiesen, was man im HipHop machen darf und was nicht.
Björn Beton: Das hatte nichts mit Jugendkultur zu tun, sondern mit Vereinsmeierei. Es war wie im Kleingartenverein.
Dokter Renz: Aber wenn man dann zehn oder zwanzig Jahre länger dabei ist und merkt, dass die Jugendlichen von heute die Werte von damals nicht mal mehr kennen, verändert sich die Sichtweise.


»Der perfekte Fußball ist Rangnicks Subkultur«
(Oke Göttlich, König Boris, Dokter Renz, Björn Beton, Ewald Lienen, Foto: Yannik Willing)
 
Wie meinen Sie das?
Dokter Renz: Früher warst du authentisch und integer, wenn du für unter 1000 Mark aufgetreten bist, heute wirst du verlacht, wenn dein Album nicht in die Charts kommt und du dich insofern als miserabler Geschäftsmann erweist. Insofern können wir sehr gut nachvollziehen, wie man einerseits den Wunsch hat, bestimmte Werte zu bewahren, weil sie elementar für eine Kultur sind, andererseits aber versucht, eine Distanz aufzubauen...
Björn Beton: ...und nicht zu nostalgisch und konservativ dabei zu werden.
Oke Göttlich: Das ist wirklich eins zu eins mit dem Fußball. Kann der Fußball weiterhin subkulturelle Elemente erhalten? Da ist die Kurve natürlich ein elementarer Faktor.
Björn Beton: Da sind mir dann auch radikale Menschen lieb und teuer. Man muss nicht immer einer Meinung mit ihnen sein, aber ich möchte, dass sie sich immer eingeladen fühlen, sich zu beteiligen.
 
Ralf Rangnick sagte neulich in einem 11FREUNDE-Interview, dass wir in zehn Jahren nicht mehr über die 50+1-Investorenregel diskutieren. Er hat einen Siegeszug des Geldes prophezeit und RB Leipzig als Zukunftsmodell schlechthin hingestellt.
Dokter Renz: Nicht sehr sympathisch.
 
Könnte sich auch innerhalb eines solchen Marketingkonstrukts eine Subkultur entwickeln?
Oke Göttlich: Ja, aber es ist nicht unsere. Wie Ralf Rangnick das lebt, ist das seine Subkultur. Der perfekte Fußball ist seine Subkultur. Dafür schaffen sich Rangnick und RB die Rahmenbedingungen, um dem perfekten Fußball möglichst nahe zu kommen. Das ist besonders.
 
Wie sollen wir das verstehen?
Oke Göttlich: Subkultureller geht es für Ralf Rangnick nicht. Um mal auf die Fettes-Brot-Platte zu sprechen zu kommen, auf Track sechs, da wird das Gefühl beschrieben, wie schwierig es ist, Haltung zu bewahren, wenn man permanent eingelullt wird. Diese Verschlagerisierung nimmt auch im Fußball Überhand. Gerade in Leipzig und Großaspach ist man dem Schlager auch persönlich nicht abgeneigt.
 
Bei uns erzeugt das Modell eine Abstoßreaktion. Andererseits sagen auch viele Fans: »Stellt euch nicht so an!«
König Boris: Man ist halt gleich der Spielverderber.
Dokter Renz: Wir waren gerade in Gelsenkirchen, wo wir in einer Fernsehshow aufgetreten sind. Vorher sind wir auch am Schalker Vereinshaus vorbeigefahren, wo dieser sehr traditionelle Kult um den Verein gelebt wird. Aber im Stadion erschlägt dich diese riesige Gazprom-Bande. Einen ungeeigneteren Sponsor für diesen Klub kann ich mir kaum vorstellen.
Oke Göttlich: Um es noch mal klar zu sagen: Es herrscht keine Antipathie gegen die Zuschauer von RB oder die Arbeit, die von Trainern dort im sportlichen Bereich geleistet wird, sondern es geht gegen das Konstrukt, gegen eine Art Verein, der nur zu Marketingzwecken gegründet wurde und möglichst schnell an die Fleischtöpfe der Fernsehvermarktung herangeführt werden soll, um die Investitionen auf Sicht wieder einzuspielen.
 
Eine Delegation von Red Bull soll einst auch beim FC St. Pauli vorstellig geworden sein.
Oke Göttlich: Da war ich nicht involviert. Aber ich weiß, dass es dieses Anliegen nicht mal in eine halbwegs relevante Sitzung geschafft hat.
Björn Beton: Ich habe sogar gelesen, dass der FC St. Pauli ganz oben auf der Liste stand, als besonders imageträchtiger Super-Geldbringer.
König Boris: Die Getränkehersteller waren hier und hatten das Portemonnaie dabei? Interessant. Wollten sie dann das Getränk auch braun färben?