Der Fußball, mein Leben und ich: Klaus Thomforde

»In der Gästekabine war nur ein Klo mit Salontür.«

In der Bilanz stehen 17 Jahre Profifußball in St. Pauli. Dabei wären Sie fast in Bremen gelandet, oder?
Ja. Über einen gemeinsamen Bekannten lernte ich Hansi Bargfrede kennen, der nur fünf Kilometer von mir entfernt wohnte und damals bei Werder spielte. Ich machte ein Probetraining bei den Werder-Amateuren, was auch positiv verlief. Allerdings musste ich zunächst ein Jahr zur Bundeswehr. Als ich damit fertig war, vermittelte mir Hansi ein Probetraining bei St. Pauli.

Und St. Pauli behielt sie direkt da?
Der Trainer Michael Lorkowski schoss mit anderthalb Stunden lang die Bälle um die Ohren. Wahrscheinlich hat es ihm imponiert, dass ich nach 90 Minuten immer noch jedem Ball hinterhergehechtet bin. Aber ich hatte auch Glück: Ich erwischte einen dieser Sahnetage.

Gab es diesen einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass St. Pauli der Verein für Sie ist?
Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich machte mein erstes Spiel für St. Pauli hier in der Provinz, ein Testspiel in Neu Wulmstorf. Ich war so dankbar, dass mir der Klub die Chance gab, und es hat von Anfang an gepasst. Erst jetzt an Ostern bin ich zufällig mit dem Auto durch Neu Wulmstorf gefahren und habe meiner Frau direkt ganz gerührt von meiner ersten St. Pauli-Partie erzählt.

Sie waren nicht immer Stammspieler. Gab es nie das Verlangen, einmal woanders zu spielen?
Nein. Ich habe schon als Kind nicht verstehen können, wie ein Spieler einen Verein wechseln kann. In diesem Sinne habe ich meinen Kindheitstraum verwirklicht.

Was macht denn den Mythos St. Pauli aus?
Wie hier die Zuschauer den Fußball gelebt haben, war für mich vom ersten Tag an etwas ganz Besonderes. Die Fanszene wuchs konstant, anfangs kamen 2000 Leute zu den Spielen, wenige Jahre später spielten wir vor ausverkauftem Haus in der Bundesliga. Und trotzdem hat sich der Klub immer eine familiäre Atmosphäre bewahrt. Das alte Klubhaus am Stadion war für alle zugänglich, da haben wir viel Zeit verbracht, auch mit den Fans. Da musste man sich auch mal einen dummen Spruch anhören, wenn es sportlich nicht so lief.

Stimmt es, dass die Mannschaft zu Ihrer Anfangszeit auf einem Schulsportplatz trainierte?
Die Zustände waren abenteuerlich. Bis in die Neunziger Jahre tingelten wir über die Schulsportplatze Eimsbüttels. Einmal verloren wir bei den Bayern mit 0:3. Unser Manager Georg Volkert war sauer und stauchte uns ordentlich zusammen. Ich antwortete nur: »Mensch Georg, die Vorbereitung war nicht so einfach. Wir mussten das Training abbrechen, weil Bundesjugendspiele waren. Als er das hörte, ließ er uns wortlos stehen. War ja nur Bayern München. Auch die Toilettensituation war alles andere als luxuriös. In der Gästekabine war nur ein Klo mit Salontür, oben und unten konnte man also durchschauen. Wenn einer musste, konnte er also einhalten, sich zugucken lassen oder sich in die Schlange vor der Fantoilette einreihen. Da haben sich einige Stars schon mal beschwert. Und nicht zu Unrecht

Ab den Neunzigern und mit Einstieg des Privatfernsehens wurde der Klub ein überregionales Phänomen. Hat man das gemerkt?
Na klar, die Aufmerksamkeit war plötzlich viel größer. Ich erinnere mich an ein Spiel in Dortmund, in dessen Anschluss ich erst nach München zum DSF musste, anschließend ins Sportstudio und dann noch zum NDR. An dem Tag habe ich viermal so viel Zeit im Studio verbracht wie auf dem Fußballplatz. Auch auf der Straße merkte man die gestiegene Beachtung. Plötzlich konnte ich mit meiner Familie kaum noch einkaufen gehen, weil die Leute schon am Auto warteten, um Fotos zu machen oder ein Autogramm zu bekommen.