Der Fußball, mein Leben und ich: Carsten Jancker

»Es war mein Ritual, mir den Schädel zu rasieren«

Von ihrer mentalen Stärke oder dem fußballerischen Können? 
Wenn ich sage, ich will Weltmeister werden und kann mir das vorstellen mit dieser Mannschaft, ist es doch egal, wovon ich ausgehe.

Nach der WM war es mit Ihrer Karriere in der Nationalmannschaft vorbei. 
Ich habe noch zwei Spiele gemacht, das letzte beim 2:1 in der EM-Qualifikation gegen die Färöer. Ich war im Sommer zu Udinese Calcio gegangen und dieser Wechsel hat mir nicht gut getan.

Woran lag das? 
Ich habe einfach schlecht gespielt.

Warum? 
Ich habe die ersten zehn Spiele von Anfang an gemacht, allerdings nicht getroffen. Und als ich mich gerade mit dem italienischen Fußball angefreundet hatte, fiel ich wegen einer Schambeinverletzung acht Monate aus. Danach bin ich körperlich nie mehr auf das Level gekommen, das ich für mein Spiel benötige. Bei Bayern war ich nicht umstritten. Einen »Fußballgott« gab es dort bis dahin noch nicht, das muss man sich erst mal erarbeiten.

Und der Rest der Republik? 
Das hatte damit zu tun, wie ich Fußball gespielt habe.

Manche haben Ihr Spiel als unsauber gebrandmarkt. Es gibt ein Lied von den »Prinzen« ... 
»Du musst ein Schwein sein auf dieser Welt«, ja ja. Ich glaube aber, ich war nie unfair. Natürlich gibt es Fouls, die ich lieber vermieden hätte, doch die sind nie mit Absicht geschehen. Ich habe gut ausgeteilt und gut eingesteckt, bin aber nie liegengeblieben und habe auf den Doktor gewartet – außer, wenn es mal richtig weh tat.

Dennoch waren Sie für Bayernhasser über Jahre ein beliebtes Feindbild. 
Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich viele Tore geschossen habe.

Das hat Mehmet Scholl auch, den haben aber trotzdem alle gemocht. 
Der war aber auch bloß 1,70 Meter groß. Wenn ich einen Pressschlag gemacht habe und der Gegner flog drei Meter durch die Luft, konnte ich ja nichts dafür. Den Schuh, unfair gespielt zu haben, ziehe ich mir nicht an.

2000 sorgten Sie für Aufsehen, als Sie nach einem Tor zum damaligen Leverkusener Coach Berti Vogts rannten und laut »Vogts, du Arschloch!« brüllten. Was hatte der Ihnen getan? 
Eigentlich gar nichts. Er hatte mich als Bundestrainer nicht mit zur WM 1998 genommen und auch danach beim Neuaufbau nicht berücksichtigt, das habe ich als Vorwand genommen. Es war ein wichtiges Spiel gegen Leverkusen, da pusht man sich und versucht, noch aggressiver zu werden, und weil ich mit den Leverkusener Spielern sehr gut auskam, habe ich mir Berti Vogts rausgepickt. Nach meinem Tor ist diese Projektion irgendwie mit mir durchgegangen.

Eine Zeitlang wurde Ihnen eine Nähe zum rechtsradikalen Milieu nachgesagt, einige Neonazis unter den Bayern-Anhängern skandierten damals gerne »Carsten Jancker, unser Führer!« 
Ich habe diese Geschichte leider nicht so ernst genommen, wie sie sich nachher entwickelt hat. Uli Hoeneß hat damals öfter mit mir gesprochen, ob ich mir nicht die Haare wachsen lassen will, was ich dann auch getan habe. Heute würde ich anders mit der Sache umgehen: Ich würde früher entschieden den Gerüchten entgegentreten, mir aber nie wieder vorschreiben lassen, wie ich meine Haare zu tragen habe.

Uli Hoeneß hat es wahrscheinlich gut gemeint. 
Aber es war mein Ritual, mir vor dem Spiel mit der Maschine den Schädel zu rasieren. Heute würde ich mit Uli Hoeneß verabreden, in dieser unseligen Nazisache tätig zu werden, ohne meinen Typ zu verändern. Warum will man Carsten Jancker verändern, wenn man Carsten Jancker eingekauft hat?

Ist das mecklenburgische Sturheit? 
Man kann das stur nennen, aber auch geradlinig. Außerdem war ich auch mit Haaren immer noch 1,93 Meter groß und hatte blaue Augen. Und eine Toni-Polster-Matte hätte ich mir ohnehin nie wachsen lassen.

Hätte Ihr Haarwuchs die denn hergegeben? 
Das schon. Aber ich habe mich mit Locken nie wohl gefühlt.