Der Fußball, mein Leben und ich: Carsten Jancker

»Fanpost? Die gibt es heute noch«

Die Form der Jahre 1997 bis 2001 haben Sie später nie wieder erreicht. Waren Sie bereits über Ihren Zenit hinaus? 
Ich war ja erst 27. Aber möglicherweise gibt es nach so intensiven Jahren eine Sättigung, die man sich nicht eingestehen will. Und dann fehlen am Ende fünf oder zehn Prozent.

Trotzdem sind Sie 2002 mit zur Weltmeisterschaft nach Japan und Südkorea gefahren. Nach dem Vorrunden-Aus bei der Euro 2000 hatte Rudi Völler die Nationalelf von Erich Ribbeck übernommen. 
Ja, er und Michael Skibbe. Vor der WM war der Druck groß, weil es natürlich darum ging, sich für 2000 zu rehabilitieren. Diejenigen, die wie ich seinerzeit schon dabei gewesen waren, wollten so etwas auf keinen Fall noch einmal erleben.

Franz Beckenbauer hat immer gesagt »Geht’s raus und spielt Fußball«, Jogi Löw plant heute akribisch jedes taktische Detail. Wie war Rudi Völler als Bundestrainer? 
Als Weltmeister war er natürlich eine Respektsperson. Mit Skibbe hatte er einen guten Partner, der die taktischen Dinge vorgegeben hat.

Völler war also nicht gerade ein Stratege? 
Rudi Völler hat uns ins Finale gebracht, also hat er seinen Job sehr gut gemacht. Ich bin hervorragend mit ihm ausgekommen und finde es wichtig, wenn ein Trainer der Mannschaft ein gutes Gefühl gibt.

Ihr Tor im ersten Spiel gegen Saudi-Arabien und der anschließende Jubel mit nacktem Oberkörper haben Sie in Asien zu einem Star gemacht. Haben Sie davon während des Turniers etwas mitbekommen? 
Nicht wirklich. Ich konnte ja die Schrift in den Zeitungen nicht lesen und habe nur die Fotos gesehen. Aber in der »Bild«-Zeitung war die Aufnahme auch auf der ersten Seite, und das hat mir gut getan. Beim letzten Vorbereitungsspiel in Freiburg hatten die Leute gesungen »Ohne Jancker fahren wir zur WM«, das hatte mich schon ein bisschen getroffen. Der Druck hat sich dann in diesem Torjubel entladen.

Die Popularität in Asien hatte allerdings weniger mit dem Tor zu tun als mit Ihrer Statur. 
Wahrscheinlich waren die Asiaten keine großen glatzköpfigen Deutschen gewohnt.

Gab es Fanpost von dort? 
Die gibt es heute noch. Wahrscheinlich wäre es noch mehr, wenn ich noch ein, zwei weitere Tore gemacht hätte. Nach der Vorrunde habe ich ja nicht mehr gespielt, doch zum Glück sind wir trotzdem ziemlich erfolgreich gewesen – wenn man von der Finalniederlage mal absieht.

Wie sehr hat Ihnen Ihr Münchner Teamkollege Oliver Kahn leid getan, dem ein grober Fehler unterlief, der aber zuvor die Finalteilnahme durch seine Leistung überhaupt erst möglich gemacht hatte? 
Er hat sicher eine überragende WM gespielt, doch es gehören 23 Spieler plus das Team drum herum dazu, ins Finale zu kommen. Nach einer solchen Niederlage ist ohnehin jeder mit sich selbst beschäftigt.

Haben Sie sich eigentlich gewundert, dass Deutschland mit diesem Team ins Endspiel gekommen ist? 
Warum? Ich war von dieser Mannschaft überzeugt.