Der Fußball, mein Leben und ich: Carsten Jancker

»Das ganze Stadion hat vibriert, es war großartig«

Was können Sie jungen Spielern, die dorthin gehen, empfehlen? 
Sie müssen geduldig sein. In meiner ersten Saison hatte ich zwanzig Kurzeinsätze, zuerst meist nur über fünf Minuten, doch zum Ende hin wurde es länger. Da habe ich gemerkt, dass es vorangeht. Und nach dem normalen Training hat Giovanni Trapattoni, der Mister, mit Alex Zickler und mir immer noch eine Stunde drangehängt.

Ist es normal, dass sich ein weltberühmter Coach nach dem Training noch um die jungen Spieler kümmert? 
Nein, aber das war sein Augenmerk. Der hat das jeden Tag gemacht, von montags bis donnerstags, und wenn es nur Technikübungen waren. Das macht ihn aus, er sieht in einem Kader nicht nur die Nummer 1 bis 13, sondern alle, von der 1 bis zur 25.

In den Jahren danach wurden Sie Stammspieler und haben in der Champions League sowohl die denkwürdige Finalniederlage 1999 gegen Manchester United als auch den Triumph gegen Valencia zwei Jahre später erlebt. Wie groß war die Genugtuung, das Trauma zu überwinden? 
Man muss berücksichtigen, dass wir 2001 fast mit der gleichen Truppe gewonnen haben. Im Jahr dazwischen waren wir im Halbfinale gescheitert, und es war klar, dass dies unsere letzte Chance mit dem Kader sein würde. Danach wäre die Mannschaft vermutlich zu alt gewesen, und ohnehin ist die Luft raus, wenn du dreimal nacheinander knapp scheiterst.

Gegen Valencia hat der FC Bayern im Elfmeterschießen gewonnen, zudem 2000 und 2001 sehr glücklich die Deutsche Meisterschaft geholt. Kann man sagen, dass der Fußballgott die Bayern für das Manchester-Drama in den Jahren danach reichlich entschädigt hat? 
Wir haben uns nicht beschwert. (lacht)

Die letzte Halbzeit der Saison 1999/2000 haben Sie in der Kabine verbracht. 
Wir mussten gegen Werder Bremen gewinnen, das hätte aber alles nichts genutzt, wenn Leverkusen in Unterhaching unentschieden gespielt hätte. Ich musste zur Halbzeit raus, weil ich mich verletzt hatte. Draußen vor der Tür lief der Fernseher, auf dem die Ordner schauten. Plötzlich fiel das 1:0 für Unterhaching, danach habe ich mich nicht mehr aus der Kabine getraut, weil ich Angst hatte, dass dann etwas schief laufen würde. Reiner Aberglaube.

Muss eine lange Dreiviertelstunde gewesen sein. 
Das können Sie laut sagen! Es gibt ja Aufnahmen von Jens Jeremies, der oben auf der Tribüne sitzt und das totale Nervenbündel ist. So ungefähr ging es mir in der Kabine auch. Erst nach dem 2:0 für Unterhaching bin ich rausgerannt. Das ganze Stadion hat vibriert, es war großartig.

Und 2001, als Schalke »Meister der Herzen« wurde? 
Unser Spiel in Hamburg hatte später angefangen, weil fast zwei Kilo Bananen in den Strafraum von Oliver Kahn geflogen waren. Deshalb wurde bei uns immer noch gespielt, als auf Schalke schon Schluss war. Und dann gab es diesen Freistoß, den Patrik Andersson zum 1:1 verwandelt hat. Da, wo er den Ball hingeschossen hat, geht der normalerweise nicht rein. Oder vielleicht einer von hundert Bällen.

Hatten Sie Mitleid mit den Schalkern? 
Nein, man sagt ja nicht: Schade, dass wir Meister geworden sind! Außerdem mussten wir die Konzentration gleich auf das Champions-League-Finale gegen Valencia lenken, das wenige Tage später stattfand.