Darmstadts Marcel Heller über Tempofußball

»Man wird uns ernst nehmen«

Darmstadts Fans glauben, er sei schneller als ein ICE, ein Flugzeug oder Usain Bolt. Wie ist es wirklich, Marcel Heller?

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Marcel Heller, wer zum Henker ist Usain Bolt?
Der beste 100-Meter-Läufer der Welt.
 
Der Satz »Wer zum Henker ist denn Usain Bolt?« ist außerdem die Textzeile der Punkrockgruppe Decubitus, die ein Lied über Sie geschrieben hat. Haben Sie schon mal drüber nachgedacht, bei einem 100-Meter-Lauf anzutreten?
Nein. Ich weiß auch gar nicht, wie schnell ich auf 100 Metern bin, aber das ist für den Fußball ja auch nicht wichtig. Mich interessieren nur die ersten 30 Meter.
 
In dem Lied heißt es außerdem: »Er ist kein Flugzeug und auch kein ICE.« Mögen Sie den Song eigentlich?
Klar, auch wenn normalerweise eher auf HipHop und R&B stehe. Aber so ein schneller Punkrocksong passt natürlich besser zum Thema. Ich habe die Band auch mal besucht. Es hat mich wirklich stolz gemacht. Wer kann schon sagen, dass er einen eigenen Song hat?
 
Lichtschrankenmessungen haben neulich bewiesen, dass Sie der viertschnellste Spieler der Bundesligageschichte sind.Glückwunsch.
Viertschnellster Spieler? Ich weiß, dass ich schnell bin, und darüber bin auch sehr glücklich. Aber diese Daten kannte ich noch gar nicht.
 
Warum sind Sie überhaupt so schnell?
Meine Familie ist relativ unsportlich – außer mein Opa, der früher mit einem Bergheimer Verein in der Oberliga gespielt hat. Er hat gesagt, dass er zu seinen besten Zeiten auch immer der Schnellste war.
 
Auf die Frage, wie ein Spieler Ihrer Art aufzuhalten ist, sagte Ihr Trainer Dirk Schuster: »Ich hätte erst mal ›Hallo‹ gesagt und ihn dann in die Bande gedrückt.« Werden Sie häufiger als andere gefoult?
Vielleicht werde ich wirklich öfter gefoult. Aber das geht vermutlich allen Spielern so, die über das Tempo kommen wie ich.
 
Wie würden Sie sich denn stoppen?
Vermutlich auch mit Fouls. (Lacht.) So lange Zeichen setzen, bis ich keine Lust mehr auf Fußball hätte.
 
Mit Darmstadt stehen Sie auch dank Ihrer Tore auf Platz 10. Was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen jemand vor der Saison erzählt hätte, dass Sie 2:2 in Dortmund spielen und in Leverkusen gewinnen?
Natürlich habe ich mir gewünscht, dass es so kommt. Aber damit konnte man nicht rechnen. Andere Mannschaften sind uns alleine von den Etats ganz klar überlegen. Aber es ist doch schön, dass man selbst im heutigen Fußball mit unbedingtem Willen und großem Kampf richtig viel erreichen kann.
 
Das Paderborn-Phänomen?
Sie glauben, dass Darmstadt unterschätzt wird?
 
Paderborn stand am vierten Spieltag der vergangenen Saison auf Platz eins. Am zehnten rangierte die Mannschaft immerhin noch auf dem siebten Platz. Die Voraussetzungen waren kaum besser als in Darmstadt.
Ich glaube trotzdem nicht, dass uns die Bundesligamannschaften unterschätzen. Wir blieben die ersten vier Spiele ungeschlagen. Haben gegen Leverkusen und Werder gewonnen, in Dortmund unentschieden gespielt. Man wird uns ernst nehmen.
 
Sprechen wir über Ihre Karriere. Ihnen wurde einst eine große Zukunft vorausgesagt. Sogar Matthias Sammer schwärmte von Ihnen und gratulierte Eintracht Frankfurt zu Ihrer Verpflichtung. So richtig durchgestartet sind Sie aber nie. Woran lag’s?
Ich hatte anfangs nie das große Ziel, Fußballprofi zu werden, spielte meistens nur aus Spaß auf der Straße. Aber ehe ich mich versah, stand ich bei den Profis von Eintracht Frankfurt auf dem Platz. Und dann habe ich in meiner ersten Saisonelf Spiele unter Friedhelm Funkel gemacht. Dabei sagte man mir zuvor, ich solle erst mal bei der zweiten Mannschaft mitspielen. Es ging wahnsinnig schnell nach oben.