Darmstadt-Präsident Rüdiger Fritsch über Euphorie und Bodenhaftung

»Bei uns riecht es eben nach Fußball.«

Mit anderen Worten: Egal, was mit dem SV98 in der Bundesliga passiert, bei Ihnen bleibt alles, wie es ist?
Natürlich sind unsere Strukturen ausbaufähig. Die Unterstützung für die Trainer oder das Scouting, solche Dinge kann man zweifellos verbessern. An unseren Grundsätzen wollen wir aber festhalten.

Stichwort: Scouting. Ihre Chefscouts sind die Väter von Coach und Co-Trainer.
Wir waren seit 21 Jahren nicht mehr in der 2. Liga, seit 33 nicht mehr in der Bundesliga – es gibt selbst im ältesten Vereinsordner keine Pläne mehr, wie man solche Projekte stemmt. Als wir im vergangenen Sommer in der Relegation überraschend aufgestiegen sind, haben wir überlegt, wie wir das mit dem Scouting machen sollen. Dirk Schuster meinte: »Mein Vater wohnt im Osten, der ist fit, hat Ahnung von Fußball, der kann das machen.« Und Horst Franz, der Vater von unserem Co-Trainer Sascha Franz, hat schon in der Bundesliga trainiert. Also übernahm er den Westen. Ein Vater-Sohn-Verhältnis ist gerade bei Dingen, die sehr auf Vertrauen basieren, nicht das Schlechteste. Dem erfahrenen Vater hört man viel eher zu, als wenn Scout »Harry Hirsch« von einem unentdeckten Talent in der Lausitz redet.

Das Böllenfalltor ist seit Jahrzehnten nur notdürftig renoviert worden. Passiert es oft, dass Spieler, die für einen Transfer in Frage kommen, nach einer Besichtigung des Vereinsgeländes sagen: »Sorry, aber das tue ich mir nicht an«?
Es gab sicher Leute, für die das ein Grund war, nicht zu unterschreiben. Aber so deutlich hat das natürlich niemand gesagt.

Woran haben Sie gemerkt, wenn Spieler von den Voraussetzungen abgeschreckt wurden?
Es hieß dann offiziell, es läge am Geld oder am Interesse eines anderen Vereins. Glauben Sie mir, sowas merkt man im persönlichen Gespräch. Aber es ist auch gut, denn so wird schnell klar, dass der Spieler nicht hierher passt. Denn mit unseren Verhältnissen muss man umgehen können und man muss sie akzeptieren.

Der Kader besteht also ausschließlich aus robusten Typen.
Bei uns riecht es eben nach Fußball. Wer eine Sitzheizung in der Umkleidebank erwartet, ist hier an der falschen Adresse. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass man seine Pantoffeln hier nicht hinterher getragen bekommt. Nach dem Aufstieg in die 2. Liga sind eine Reihe neuer Spieler gekommen, die sich nahtlos eingefügt haben. Es ist ja auch ein bestimmter Charme, den das hier versprüht. Ein Stallgeruch, dem sich bestimmte Typen auch nicht entziehen können. Aber abgesehen von einer gewissen Patina gibt es hier alles, was ein Profiklub braucht. Es gibt eine Massagebank, ein Entmüdungsbecken, eine Sauna. Und ich kann Ihnen versichern, dass sich bei uns auch noch niemand wegen der einfach ausgestatteten Kabinen was weggeholt hat.

Der Aufstieg in die Bundesliga darf als »Fußballwunder« gesehen werden. Aus der Sicht des rational denkenden Anwalts: Wie groß ist Ihre Angst, die Erfolgsleiter in derselben Geschwindigkeit wieder runterzurutschen?
Ich als Klubvorstand betrachte das durchaus nüchtern. Mir ist klar, dass man im Fußball, anders als in der Wirtschaft, keine langfristigen, wirklich berechenbare Pläne machen kann. Aber ich glaube, dass uns die Stimmung und das Vertrauen, das bei uns vorherrscht, ein Momentum verschaffen, das uns zumindest die Chance gibt, uns länger im Profifußball zu halten. Das Ziel ist jedenfalls das Ziel.