Darmstadt-Präsident Rüdiger Fritsch über Euphorie und Bodenhaftung

»Unser Produkt heißt Fußball«

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Da hieß es dann zum Beispiel: »Hier brauchen wir das , hier jenes dann verbessern wir, auch mit begrenzten Mitteln, den Ist–Zustand.  Er hatte in vielen Dingen Recht, sodass wir nur eine Saison später aufsteigen konnten.

Analysiert Dirk Schuster auch alles per Power-Point-Präsentationen am Laptop?
Nein, er ist  ein anderer Typ. Letztlich gewinnen die Power-Point-Präsentationen auch nicht die Spiele. Als Dirk kam, waren wir in einer ganz anderen Situation. Einige Grundstrukturen waren bereits geschaffen, insbesondere die ganz großen wirtschaftlichen Probleme überwunden. Er übernahm, als wir im Abstiegskampf der 3. Liga standen. Es war uns vor allem wichtig, dass er sofort mit der Mannschaft zurecht kam. Und das war Hundertprozent der Fall.

Dirk Schuster schaffte mit der Mannschaft zunächst den Klassenerhalt in der 3. Liga – wenn auch am grünen Tisch – und marschierte dann schnurstracks zwei Ligen in die Bundesliga durch. Besteht die Gefahr, dass er die Bodenhaftung verliert?
Nein, dafür ist er überhaupt nicht der Typ. Das hier ist sein Verein, sein Baby, das sagt er auch so. Sein Erfolg motiviert ihn, seinen Verantwortungsbereich bestmöglich zu gestalten..

Im Sport passiert es öfter, dass Menschen, die einen derart bahnbrechenden Erfolg verantworten, plötzlich beratungsresistent werden.
Dann wäre ja die gesamte Führung in dieser Gefahr – inklusive vieler Spieler, die mit uns von der dritten in die erste Liga marschiert sind. Wir hatten alle immensen Erfolg mit dem Verein. Aber ich würde behaupten, dass ich nach wie vor in der Lage bin, zu sagen, dass dieses geht und jenes nicht. Und auch Dirk Schuster kennt unsere Möglichkeiten und kommt nicht mit absurden Transfervorschlägen oder sündhaft teuren Trainingslagerideen.

Und deshalb darf er nicht nur Trainer, sondern auch Manager sein?
Dieses System passt zu unseren Strukturen, denn wir sind einfach schmaler aufgestellt. Unser Produkt heißt Fußball und der Trainer ist der Chef dieses Produkts. Also sollte er sich aus meiner Sicht seine Mitarbeiter selbst aussuchen dürfen. Es wäre doch absurd, wenn er die Wunschspieler von anderen sogenannten Experten integrieren und mit diesen arbeiten müsste, oder?

Andere Klubs sehen es genau andersrum. Die sagen: Wenn wir den Trainer entlassen müssen, soll der Nachfolger nicht nur mit dessen Leuten zu tun haben, sondern mit den Spielern, die auch ein Manager mitverantwortet.
Jeder, wie er es für richtig hält. Ich sehe es so: Was hilft es uns, jetzt irgendeinen Sportdirektor einzustellen? Wenn der dann nicht zu uns passt, machen wir eine weitere Baustelle auf, die wir uns weder leisten können, noch in der gegenwärtigen Situation brauchen. Nur um Missverständnisse zu vermeiden, im Bereich ,Organisation Sport’ arbeiten ja auch bei uns Leute dem Trainerteam zu. Ganz alleine sind sie also nicht.

Ähnliche Prinzipen verfolgen Sie auch im Vorstand.
Wir halten es für wichtig, dass unsere Präsidiumsmitglieder ein Bein in der Welt außerhalb des Fußballs haben, damit die Bodenhaftung nicht verloren geht und der klare Blick auf die Realität gewahrt bleibt. Es ist so nicht schlecht, dass unsere Entscheidungsträger nicht ihr Leben lang nur mit Fußball zu tun hatten.