Darmstadt-Präsident Rüdiger Fritsch über Euphorie und Bodenhaftung

»Von Gott erkoren, den Fußball zu retten?«

Der SV Darmstadt 98 ist nach 33 Jahren zurück in der Bundesliga. Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch über das Fußballwunder, schmuddelige Kabinen und Sponsoren, die er nicht will.

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Rüdiger Fritsch, der SV Darmstadt 98 ist zurück in der Bundesliga. Ist der Standort überhaupt auf diese Situation vorbereitet?
Sie spielen auf die Frage an, ob Darmstadt eine Fußballstadt ist?

Immerhin sind Sie umgeben von reichlich Konkurrenz: Eintracht Frankfurt, FSV Mainz 05, Kickers Offenbach, selbst die TSG Hoffenheim ist nicht so weit weg.
Dennoch glaube ich, dass wir bestehen können, weil wir in Bezug auf diese Wettbewerber einige Alleinstellungsmerkmale haben.

Nämlich?
Wir sind weit genug entfernt, um unsere eigene Identität zu leben und haben uns eine gewisse Fußballtradition bewahrt. Außerdem hat sich hier zuletzt eine Geschichte abgespielt, die unter normalen Fußballgesetzmäßigkeiten unvorstellbar ist. Ich habe mich zwischenzeitlich regelrecht kneifen müssen und mich gefragt, ob wir vom lieben Gott auserkoren wurden, den Fußball zu retten?

Und wie lautete die Antwort?
Nein! Weil auch harte Arbeit auf allen Ebenen dahintersteckt. Aber wir sind dennoch ein Gegenbeispiel zu den aktuellen Tendenzen im stark kommerzialisierten Profifußball.

Sie sind seit 2008 in wechselnder Funktion für den SV98 tätig. Haben Sie eine Erklärung, wie es alles soweit kommen konnte?
Als wir 2008 Insolvenzantrag stellen mussten, steckten wir nicht bis zur Hüfte im Morast, sondern bis zur Unterlippe. Die Steuerverwaltung forderte ca. 1,2 Millionen Euro –  und wir hatten: nichts. Am Wochenende nach dem Insolvenzantrag stand ein Spiel gegen Germania Ober-Roden in der Oberliga Hessen an. Doch in den Tagen vor dem Match kam es in der Stadt zu einer Trotzreaktion gegen den drohenden Untergang. Eine Welle der Solidarität schwappte durch die Stadt. Innerhalb einer halben Woche wurde ein Marsch zum Stadion organisiert. Am Ende kamen 5000 Fans zu einem Spiel, das woanders vielleicht gerade mal 100 oder 200 Menschen besucht hätten. Das war der Moment, als auch in mir die Überzeugung reifte, dass dieser Verein viel mehr ist, als ein Klub, der vor 33 Jahren mal kurz Bundesliga gespielt hat.

Die Welle der Solidarität war unbeschreiblich.
Es gab Konzerte und Theateraufführungen für den guten Zweck. Auch der gebürtige Darmstädter Helmut Markwort half mit seinen Kontakten beim FC Bayern und ermöglichte ein Benefizspiel. Auch im Vorfeld dieses Spiels war die Unterstützung durch die Fans unglaublich wertvoll. Sie haben sich uneigennützig engagiert, zum Beispiel auch im Ticketverkauf .

All das hat sie dann gerettet.
Wir konnten am Ende unsere Schulden zurückzahlen. Wir haben alles bezahlt, was von uns gefordert wurde. Und ich glaube daraus resultiert auch ein großer Teil des Selbstbewusstseins, das uns jetzt bis in die Bundesliga getragen hat.

Neben der wirtschaftlichen Rückerlangung eines Selbstbewusstseins, traf der Klub aber auch sportlich die richtigen Entscheidungen.
Es gab viele Mosaiksteine, die entscheidend für unseren Erfolg waren. Kosta Runjaic, der 2010 in der Regionalliga zu uns kam, war sicherlich der erste Baumeister der Darmstädter Entwicklung. Mit seiner Einstellung hat er auch außerhalb des Fußballplatzes viele wichtige Impulse gesetzt.

Inwiefern?
Er gab uns von Anfang an das Gefühl, dass wir den Klassenerhalt schaffen können. Auf seinem Laptop präsentierte er uns im Vorstand bestimmte Sachverhalte.  Ganz analytisch schaute er sich unsere Strukturen an und zog die richtigen Schlüsse.