Darmstadt-Legende Elton da Costa über die verrückte Relegation gegen Bielefeld

»Ich bin ein Hesse«

Elton da Costa schoss Darmstadt einst in die zweite Liga - mit einem Last-Minute-Tor im Relegations-Rückspiel gegen Bielefeld. Wir haben mit ihm gesprochen: über ein verkorkstes Testspiel mit Ansgar Brinkmann, Freistoßtraining mit Icke Häßler und das Tor seines Lebens.

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Mit einem Vorurteil räumt Elton da Costa auf, bevor wir ihn darauf ansprechen können. Als er zum Interview mit 11FREUNDE erscheint, tippt der Aufstiegsheld von Darmstadt 98 dreimal demonstrativ auf seine Uhr. »Hier – pünktlich. Von wegen Südamerikaner«, sagt der 39-jährige Brasilianer und lacht.

Elton da Costa, Sie haben eben auf Ihre Herkunft angespielt. Wann genau sind Sie aus Brasilien nach Deutschland gekommen?
Ich war am 22. oder 23. August 1998 zum ersten Mal hier. Damals war ich 17 Jahre alt, und es war für mich der Anfang von dem, wovon ich am meisten geträumt hatte: Fußballprofi zu werden.

Für viele Brasilianer ist der Schritt nach Deutschland ein komplizierter. Wie haben Sie Ihre Anfangszeit erlebt?
Für mich war es extrem schwierig. Weil ich zum allerersten Mal von zu Hause weg war – und dann gleich so weit. Ich hatte zwar die Rückendeckung von meinen Eltern, die mich immer wieder daran erinnert haben, dass dieses Leben doch mein Traum sei. Aber ich musste plötzlich alles selbstständig regeln. Davor hatte beispielsweise meine Mutter immer für mich gekocht. Diese Erfahrungen, also dass man Sachen und Menschen oft erst zu schätzen weiß, wenn sie nicht mehr da sind, haben mir für mein späteres Leben sehr geholfen.

Nach einem Jahr, in dem Sie von Probetraining zu Probetraining tingelten, landeten Sie schließlich beim FSV Frankfurt in der Regionalliga-Süd. Mit Profifußball hatte das Ende der Neunzigerjahre nur bedingt zu tun.
Mag sein, dass mit Spielen in der ersten oder zweiten Liga schon damals anders umgegangen wurde. Aber ich war aus Brasilien ja keinen Luxus gewohnt. Ich hatte in meiner Heimat zum Beispiel gelernt, dass man die eigenen Schuhe selber putzt. Sie sind dein Werkzeug, also solltest du auf sie aufpassen und sie selber pflegen.

Hatten Sie damals Freunde in Deutschland?
Der Verein und meine Mitspieler haben mich super integriert. Sie haben mich zu sich eingeladen oder einfach mal gefragt, ob ich etwas brauche. Es gab zum Beispiel Michael Pereira, einen in Deutschland geborener portugiesischen Spieler. Oder Emanuele Giuliana. Oder auch Youssef Mokhtari. Sie alle haben mich sehr unterstützt. Außerdem gab es von Anfang an Marcio Machado von Mainz 05, wir hatten zusammen in Brasilien bei Internacional gespielt. Bei ihm habe ich gewohnt, bevor ich beim FSV Frankfurt unterschrieben habe. Von dort aus habe ich in ganz Deutschland meine Probetrainings gemacht. In Mainz waren wir darüber hinaus oft oft bei einer Familie namens Gollasch essen.

Wer waren die Gollaschs?
Die Gollaschs waren große Mainz 05-Fans. Vor allem die beiden Söhne Daniel und Dennis, deswegen hatten wir viel mit ihnen zu tun. Mit Händen und Füßen hat die Kommunikation irgendwie geklappt. Vater und Mutter Gollasch sind leider vor einiger Zeit gestorben, aber mit Dennis telefoniere ich heute noch ab und zu. Ich war nicht alleine, das war wichtig.

Sie blieben zunächst fast ein Jahr ohne Verein. Was hat Sie in Deutschland gehalten?
Ich liebe den Fußball. Es war das, was ich immer machen wollte. Außerdem komme ich aus einfachen Verhältnissen. Meine Eltern mussten hart arbeiten, um für mich und meine drei Schwestern zu sorgen. Bei mir sind tagtäglich Tränen geflossen, aber ich wollte alles dafür gegeben, hier zu bleiben und es als Profi zu schaffen.

Klingt nach sehr viel Disziplin.
Ich muss zugeben: Früher war Disziplin eigentlich nicht meine größte Stärke. Wir Brasilianer sind locker drauf, lebensfroh. Ich war zwar meistens pünktlich, aber eben insgesamt eher locker. Wenn ich ein paar Minuten später kam, habe ich zu meinem Gegenüber gesagt: »Warum regst du dich auf? Ich bin doch da!« Aber mit der Zeit lernte ich gewisse Sachen und wurde reifer.

Sie haben Ihre Probetraining-Odyssee bereits angesprochen: Wo haben Sie überall Station gemacht?
Ich habe zum Beispiel zwei Wochen lang mit der ersten Mannschaft von Eintracht Frankfurt trainiert. Ich habe sogar ein Freundschaftsspiel für die Eintracht gemacht, gegen den KSC. Ist leider nicht so gut ausgegangen, vor allem nicht für mich. (Lacht.) 

Wieso?
Ich war erst 17 Jahre alt, da war viel Angst und Aufregung dabei.

Das wollen wir jetzt genau wissen. Wie lief dieser Test?
Wir haben hoch verloren, 2:6 oder so. Was wahrscheinlich auch daran lag, dass bei uns abgesehen von Ansgar Brinkmann kaum ein Stammspieler auf dem Platz stand. Später habe ich dann auch ein Testspiel für die zweite Mannschaft gemacht, da war Toni da Silva dabei.

Und da lief es besser?
Ich hatte danach zumindest die Wahl zwischen Eintracht Frankfurt II und dem FSV Frankfurt. Ich habe mich für den FSV entschieden, weil der FSV damals eine Klasse höher gespielt hat. Im Nachhinein hätte ich mich wohl besser für die Eintracht entschieden. Als junger Spieler hätte ich sicher öfter die Chance bekommen, mit der ersten Mannschaft zu trainieren.