Darmstadt benennt Stadion nach Johnny Heimes

»Nicht ein schlechter Mensch, nur gute Typen«

Wie familiär ist der Erstligist Darmstadt 98?
Franz: Nach wie vor hat auch bei uns der Job Priorität, aber ich glaube, dass wir auch deshalb zusammen erfolgreich sind, weil eben das Private sehr wichtig ist bzw. wichtig genommen wird. Wir sind für die Spieler da – nicht nur auf dem Fußballplatz. Gleichzeitig haben wir beeindruckende Charaktere im Kader, die sehr viel dafür tun, dass sich hier jeder wohl fühlt.
Heimes: Das zeigt sich allein schon daran, wie ich hier aufgenommen wurde. Nicht als Maskottchen im Rollstuhl, sondern als Teil der Mannschaft. Wenn die Spieler mich sehen, bleiben sie stehen, quatschen, machen blöde Witze, mit einigen sind sogar Freundschaften gewachsen. Man kann es nicht oft genug betonen: dieser Verein ist etwas ganz Besonderes.
Sulu: Wir haben hier eben auch besondere Bedingungen: das alte Stadion, die morschen Kabinen, der ehemals löchrige Trainingsplatz, der nun einem richtigen Teppich gewichen ist – und dann die spezielle Mentalität im Kader. Wenn ich in die Kabine komme, sehe ich da nicht einen schlechten Menschen, nur gute Typen. Das ist wirklich so.



Co-Trainer Sascha Franz (41) / Bild: Imago

Klingt zu schön, um wahr zu sein.
Heimes: Das ist aber so. Du kannst diesen besonderen Spirit der Mannschaft förmlich spüren, wenn du hier bist.
Sulu: Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die meisten von uns schon ordentliche Brüche in der sportlichen Biografie zu verzeichnen haben. Ich zum Beispiel war bis vor zweieinhalb Jahren mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden und spielte für den SC Rheindorf Altach in der zweiten österreichischen Liga. Wir wissen, wo wir herkommen und können das, was wir uns erarbeitet haben, nur noch mehr genießen.

Inklusive der Jugendspieler hat Darmstadt bislang mehr als zehn Neuzugänge zu verzeichnen. Wie schafft man es, die Neulinge von diesem speziellen Geist zu überzeugen?
Franz: Es fängt ja schon damit an, dass wir als Verantwortliche nach Spielern suchen, die nicht nur sportlich, sondern auch charakterlich zu uns passen. Das machen andere Vereine auch, aber wir haben nun mal spezielle Bedingungen: das Stadion, die Kabinen, die Trainingsbedingungen, das schmale Budget. Damit muss ein Neuzugang klar kommen. Oder noch besser: dieser ganz eigene Charme muss ihm gefallen. Und meistens sind es Spieler, beispielsweise Jan Rosenthal oder Konstantin Rausch, die wir uns in Bestform vermutlich nicht leisten könnten, die aber eine harte Zeit hinter sich hatten und bei uns noch einmal angreifen wollen. Und um eine schnelle Eingewöhnung kümmert sich ja der harte Kern der Mannschaft.

Wie sieht das konkret aus?
Sulu: Dafür gibt es keinen bestimmten Plan. Wir versuchen einfach, dass sich die Neuen so schnell wie möglich bei uns wohl fühlen, das Konkurrenzgerangel spielt sich nicht in der Kabine ab. Und das funktioniert bislang wunderbar.
Franz: Was sich wiederum hervorragend mit unserer Idee von erfolgreichem Fußball in Darmstadt deckt: wir mögen individuell unterlegen, gar krasser Außenseiter sein – aber in der jüngeren Vergangenheit gab es nicht ein Spiel, wo wir auf der Trainerbank das Gefühl hatten, dass die Mannschaft nicht alles in die Waagschale wirft.

Spürt man das auch als Fan?
Heimes: Wenn das nicht so wäre, wie Sascha es gerade beschrieben hat, dann hätten die Spieler doch den Beruf verfehlt. Das sind Leistungssportler, Fußballprofis, die leben für den Wettkampf. Ich finde, eine solche Einstellung sollte Grundvoraussetzung für jeden Profi sein.

Werden die Neulingen mit der Geschichte von Johnny konfrontiert?
Franz: Da Johnny wie gesagt quasi zur Mannschaft gehört, wird das passieren. Wie genau wollen wir jetzt noch nicht sagen, aber Johnnys Einfluss wird auch bis zu den Neuzugängen vordringen, ganz sicher.

Braucht es dann überhaupt noch Teambuilding-Maßnahmen am Böllenfalltor?
Franz: Teambuilding ist für uns eher ein stetig voranschreitender Prozess, keine Sache, die man mit Rafting oder Bungee-Jumping erzwingen kann. Natürlich haben auch wir in der Vorbereitung unsere Ideen umgesetzt, aber die dienten eher dazu, die ohnehin vorhandene mannschaftliche Geschlossenheit noch zu stärken und die Kreativität der Spieler herauszufordern. Im Trainingslager haben wir die Spieler beispielsweise in Zweiergruppen mit jeweils einem Fahrrad aufgeteilt. Dann galt es, welches Duo als Schnellstes einen Berg im Schwarzwald erklimmt. Das Trainerteam stand oben am Gipfel, wir schauten uns an, wie die Jungs die Aufgabe angingen – und waren zufrieden. Vor allem damit, wie die Spieler mit der Aufgabe umgegangen sind, wie sie sich Lösungen gesucht und gleichzeitig körperlich ausgepowert haben.
Heimes: Ich finde, dass das auch die Qualität dieser Mannschaft ausmacht. Dass sich der Einzelne nicht zu wichtig nimmt. Dass das Team im Vordergrund steht. Und vor allem: dass man merkt, wie viel Spaß die Spieler an ihrem Job haben.
Sulu: Ein Beispiel: Als Dominik Stroh-Engel vor zwei Jahren kurz davor war, den Torrekord in der dritten Liga zu brechen, haben wir in den letzten Spielen der Saison alles dafür getan, damit er das auch schafft. Und anschließend lief er eben nicht wie der König von Darmstadt durch die Gegend, sondern blieb mit beiden Beinen auf dem Boden.

Der Teamgeist ist ihnen sehr wichtig in Darmstadt, vermutlich auch, weil er das größte Pfund ist, mit dem der Aufsteiger wuchern kann. Die Geschichte des Underdogs aus dem Niemandsland, der plötzlich in der ersten Liga mitmischen darf, ist auch die Geschichte von der Rückkehr fast schon ausgestorben geglaubter Fußball-Tugenden. Zuweilen wirkt das am Böllenfalltor zu kitschig, um wahr zu sein. Oder ist man vom Milliardengeschäft Fußball längst so abgestumpft, das man dem Darmstädter Braten einfach nicht trauen mag? Indizien, die dafür sprechen, dass der überall beschworene Charme vom fußballverrückten Underdog mehr Schein als Sein ist, finden sich jedenfalls nicht. Noch nicht?

Franz: Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass uns die besagte Kameradschaft, die wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, in den Krisen, die da in Liga eins kommen mögen, helfen wird. Kein Zweifel.
Sulu: Wir befinden uns da auf einer Gradwanderung: Einerseits wollen wir all das, was wir uns in den vergangenen Jahren aufgebaut haben – diese bestimmte Mentalität, die Tugenden, der Zusammenhalt  – erhalten. Andererseits sollen die Aufstiege, die Siege und Tore aus der Vergangenheit keine große Rolle mehr spielen. Es bringt schließlich nichts, sich im Ruhm vergangener Tage zu sonnen. Wir blicken nach vorn. 

Was wünscht sich der Fan, der längst Teil der Mannschaft ist, für die neue Saison?
Heimes: Dass wir nicht anfangen, uns wichtiger zu nehmen, als wir sind. Dass wir ohne Druck frei aufspielen können. Dass all das, was wir gerade besprochen haben, auch in der ersten Liga sichtbar wird. Darmstadt 98 in der Bundesliga – das ist doch fast zu schön, um wahr sein. Lasst es uns genießen. So lange wir können.