Darmstadt benennt Stadion nach Johnny Heimes

»Der Trainer hat ein unglaubliches Gespür«

Das klingt alles wahnsinnig aufregend, aber auch sehr nach Hollywood. Wie kann es sein, dass sich gestandene Profis von so einer Aktion beeindrucken lassen?
Sulu: Alte Weisheit: auch Fußballer sind nur Menschen. Uns hat Johnnys Schicksal bewegt, vor allem aber waren wir tief beeindruckt, wie ein junger Kerl wie er mit so einer furchtbaren Krankheit umgeht und sich nicht kleinkriegen lässt.
Franz: Es ging darum, der Mannschaft eine spezielle Einstellung zum Spiel zu vermitteln. Wir hatten eine fantastische Saison gespielt, die Relegationsspiele waren die Kirsche auf der Torte. Und eine 1:3-Niederlage nicht das Ende der Welt. Es gibt viel wichtigere Dinge im Leben. Das wurde den Spielern durch Johnnys Schicksal schlagartig bewusst und so etwas verstärkte unsere ohnehin schon positive Sichtweise auf das Rückspiel noch einmal enorm.
Heimes: Vielleicht wurde den Jungs ja in diesem Moment auch klar, war uns Fans ohnehin bewusst war: dass wir zwei Jahre zuvor noch kurz vor dem Absturz in die Regionalliga gestanden hatten und nur mit sehr viel Glück überhaupt die Klasse halten konnten. Ich behaupte mal, dass dieses Bewusstsein in Kombination mit dem Charakter der Mannschaft und des ganzen Vereins einer der wichtigen Schlüssel zum Erfolg war und ist.
Sulu: Spätestens seit dieser Aktion wissen wir, dass Fußball nicht alles ist. Dass es Menschen gibt, denen es wesentlich schlechter geht als Profis, die ein Gegentor oder eine Niederlage kassieren. Gleichzeitig passt Johnnys Motto aber auch zu uns wie die Faust aufs Auge. Damit können wir uns absolut indentifizieren.

Darmstadts Mannschaftskapitän Aytac Sulu (29) / Bild: Imago

»Du musst kämpfen« – das könnte längst auch im Vereinswappen von Darmstadt 98 stehen. Die Schlüssel zum sportlichen Erfolg sind klar definiert: eine unglaubliche Physis, unbedingter Einsatzwillen und erstaunliche Nehmerqualitäten. Kapitän Aytac Sulu steht stellvertretend für diese Tugenden: In der vergangenen Saison zog sich der kantige Abwehrchef am zweiten Spieltag bei einem Zusammenprall mit seinem Torwart mehrere Gesichtsbrüche zu, stand aber zwei Spieltage später schon wieder auf dem Platz. Kurz darauf verletzte er sich erneut am Kopf, hielt jedoch mit blutendem Dieter-Hoeneß-Gedächtnis-Turban bis zum Abpfiff durch. Und als sei das noch nicht genug, bekam er einige Wochen später gegen St. Pauli den Ellenbogen seines Gegenspielers so unglücklich ins Gesicht, dass ein Zahn wackelte. Sulu zog ihn sich kurzerhand selbst, übergab den Zahn seinem Betreuerteam und spielte weiter. Als der Interviewer im Gespräch von den »typisch deutschen Tugenden« fabuliert, muss Sulu lachen. Der in Heidelberg geborene 29-Jährige hat türkische Wurzeln.

Am 15. August startet Darmstadt 98 gegen Hannover in die Bundesliga-Saison. Die Lilien haben mit Abstand den kleinsten Etat, das marodeste Stadion und die am wenigsten professionellsten Bedingungen. Der Aufsteiger gilt als Abstiegskandidat Nummer Eins. Wie wollen sie mit den zu erwartenden Rückschlägen umgehen?
Franz: Mit dem, was vielleicht passieren mag, beschäftigen wir uns jetzt noch nicht großartig. Man kann im Profifußball nur Erfolg haben, wenn man sich auf die gegenwärtigen Aufgaben konzentriert. Außerdem starten wir als Sensationsaufsteiger mit unglaublich viel Rückenwind in die neue Saison. Ein Misserfolg kann die nächste Saison gar nicht für uns werden.

Johnny Heimes, hat sich für Sie was geändert seit dem Relegationsspiel gegen Bielefeld?
Heimes: Nein, eigentlich nicht. Ich lebe weiter mein Leben und versuche, mit der Krankheit zurecht zu kommen. Es ist wie im Sport: die Rückschläge kommen und dann gilt es, damit richtig umzugehen. Bei mir sind es keine verlorenen Spiele, sondern neue Metastasen und Tumore. Der Krebs ist leider bislang immer wieder gekommen. Die letzten drei Diagnosen bekam ich per Telefon mitgeteilt. Da saß ich gerade beim Frühstück.

Wie haben Sie reagiert?
Heimes: Ich habe weiter gefrühstückt und dann weiter gekämpft. Was soll ich denn auch tun? Einfach aufgeben? Natürlich nicht. Daran erinnert mich ja das Bändchen Tag für Tag. Und die Art und Weise, wie meine Mannschaft Fußball spielt.

Einer der Hauptverantwortlichen für diese Spielweise ist Trainer Dirk Schuster. Was zeichnet ihn abseits seines Fußball-Sachverstands aus?
Franz: Er besitzt ein unglaubliches Gespür für zwischenmenschliche Situationen. Wenn es bei einem Spieler aus welchem Grund auch immer nicht rund läuft, merkt Dirk das sofort und ergreift Maßnahmen. Die Tür zu unserem Büro steht immer offen und wir wollen ja auch da sein, wenn vielleicht Probleme auftauchen, weil beispielsweise das Kind krank ist oder irgendetwas im Freundeskreis passiert ist.
Sulu: Was mir von Anfang an imponiert hat: der Trainer ist von seiner Arbeit, von seinen Ideen und Idealen zu 100 Prozent überzeugt und kann das auch sehr eindringlich vermitteln. Mit jedem Spiel in den vergangenen Jahren hat er sich darin sogar noch weiter entwickelt. Und dementsprechend hat er die Mannschaft nach seinen Vorstellungen geformt. Wir haben dieses Vertrauen in die eigenen Stärken längst übernommen.