Darmstadt benennt Stadion nach Johnny Heimes

»Jonnys Geschichte motiviert uns jeden Tag«

Johnny Heimes, Aytac Sulu, Sascha Franz – was bedeutet für Sie Motivation?
Johnny Heimes: Bei mir wurden kürzlich schon wieder Metastasen entdeckt. Ein neuer Krebs, ein neuer Kampf. Ich merke, dass es mir inzwischen doch schwerer fällt, mich erneut zu motivieren. Die Behandlungen anzunehmen, wieder einmal das Laufen neu zu lernen, solche Dinge. Aber wenn ich die Lilien sehe, wie sie jede Woche rackern und kämpfen, alles geben und es damit als totaler Underdog in die Bundesliga geschafft haben, dann gibt mir das schon neue Motivation.

Das überrascht jetzt, weil es doch Ihre Geschichte war, die die Darmstädter so inspiriert hat.
Heimes: Das war ja vielleicht auch so, aber inzwischen haben sich die Verhältnisse geändert: die Mannschaft gibt mir die Kraft und Power, die ich brauche.
Sascha Franz: Zwischen Johnny und der Mannschaft sowie zwischen ihm und mir, ist ja längst eine Freundschaft entstanden. Und wie es in jeder Freundschaft ist, motiviert man sich von Zeit zu Zeit gegenseitig. Wobei ich sagen muss, dass er uns damals vor dem Rückspiel gegen Bielefeld einen gewaltigen Schub gegeben hat. Nur war das bloß der Anfang: bis heute gibt uns Johnny mit seiner Geschichte, aber vor allem seinem Auftreten immer wieder neue Denkanstöße.

Wie sehen diese aus?
Franz: Da reicht es, wenn ich mal wieder zum Fußball schauen bei ihm vorbeikomme. Klar, wir schnacken über das Spiel – aber Johnny ist halt ein Typ, der jedes Mal verdeutlicht, wie wichtig es ist, Dinge positiv anzugehen, für eine Sache zu kämpfen und sich reinzuhängen. Das motiviert mich für meinen Alltag und meine Arbeit als Trainer ungemein.

Diese Beziehung begann nach besagtem Hinspiel in der Zweitliga-Relegation gegen Arminia Bielefeld 2014. Aytac Sulu, welche Erinnerungen haben Sie an diese Tage?
Aytac Sulu: Nach dem 1:3 waren wir mental ziemlich angeschlagen, der Stachel saß tief.
Franz: Als die Jungs am Tag nach dem Spiel zum Training eintrudelten, war zu sehen, was für eine Enttäuschung die Niederlage bei ihnen ausgelöst hatte. Wir wollten irgendwie reagieren. Da kamen wir auf Johnny



Johnny Heimes (25) / Bild: Imago

Kurz nach der Niederlage klingelt das Handy von Johnny Heimes. Der ist gerade in Hannover, wird von dem Anruf geweckt und geht zunächst nicht ran. Erst beim zweiten Versuch schaut er auf sein Display und liest »Co-Trainer Lilien«. Sascha Franz fragt nach 50 Armbändchen mit der Aufschrift »Dumusstkämpfen Es ist noch nichts verloren«. Heimes bittet einen Freund aus Darmstadt, die Bändchen aus seiner Wohnung zu holen. Der besorgt die bestellten 50 Stück und schickt sie an Sascha Franz. In einer Sitzung vor dem Rückspiel bittet das Trainerteam die Mannschaft zu einer Besprechung.

Sulu: Der Trainer verteilte die Bändchen und erzählte uns von Johnny. Von seiner Geschichte als junges Talent, von seiner Krankheit, vom immer wiederkehrenden Krebs und von seinem täglichen Kampf. Das war ein besonderer Moment.

Was hat das bei ihnen ausgelöst?
Sulu: Da wurde uns allen bewusst, wie gut es uns doch eigentlich geht. Ein Haufen gesunder Fußballprofis, die trotz Niederlage noch immer die Chance haben, in die zweite Bundesliga aufzusteigen. Johnnys Probleme machten unsere Sorgen klein, sein Kampf gegen den Krebs inspirierte uns. Auf einmal war die Relegation nur noch ein ganz normales Fußballspiel.
Franz: Wir machten Johnnys Motto zu unserem Motto. »Du musst kämpfen« – wenn er das gegen den Krebs macht, werden wir das doch auch in einem Fußballspiel schaffen. Und die Mannschaft sah das genauso.

Das Rückspiel in Bielefeld sieht Johnny Heimes vor dem Fernseher. Er sieht, wie Aytac Sulu und seine Mitspieler mit seinen Bändchen am Arm auf den Rasen laufen. Den Regeln entsprechend, sind die Gummibänder abgeklebt. An der Seitenlinie stehen Sascha Franz und Dirk Schuster. Hat ihr kleiner mentaler Trick funktioniert? Franz merkt sofort, dass dem so ist. Die nach dem Hinspiel noch so niedergeschlagene Mannschaft zeigt von der ersten Minute an keine Angst, geht in gewohnt kompromissloser Weise in die Zweikämpfe und lässt selbst nach den Gegentoren den Kopf nicht hängen. »Schaut auf euer Armband, wenn ihr Zweifel habt«, hatte Dirk Schuster gefordert. Vor dem Fernseher kann Heimes beobachten, wie die Spieler sein Motto wie ein Mantra lesen. In einer der vielleicht spektakulärsten Relegationsspiele der deutschen Fußballgeschichte besiegt Darmstadt Bielefeld mit 4:2 und steigt in die zweite Bundesliga auf. Als die Spieler wie von Sinnen nach dem Schlusspfiff über den Rasen laufen und ihr Glück kaum fassen können, schlackern an ihren Handgelenken die Armbändchen. Es ist noch nichts verloren. Darmstadt hat die Sensation geschafft. Und begründet eine Art Mythos vom Böllenfalltor, der den Aufsteiger schließlich bis in die erste Liga führt.