Daniel Brückner über die Paderborner Provinz und harten Rap

»Ein bisschen Genugtuung ist dabei«

Paderborns Daniel Brückner ist ein Spätberufener: Er flog von der Schule, aus dem Verein und aus seinem Elternhaus. Nun hat er mit 33 Jahren in der Bundesliga debütiert. Unser Autor spielte 1999 mit ihm bei HEBC in der Landesliga. Ein Gespräch über die Provinz, Hamburg und Gangster-Rap.

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Daniel, das 0:4 gegen Bayern dürftest du ja mittlerweile verkraftet haben. Welchen Ehrenplatz bekommt das Trikot deines Gegenspielers Arjen Robben?
Ich habe mir kein Trikot von ihm geholt. Denn ich bin eigentlich zu stolz, um den Gegner danach zu fragen. Ich tausche nur mit Spielern das Trikot, die ich persönlich kenne. Wenn allerdings Franck Ribéry dabei gewesen wäre, hätte ich vielleicht eine Ausnahme gemacht. Ribéry bewundere ich. Ansonsten hole ich mir keine Souvenirs – die Spiele speichere ich in meinem Kopf.
 
Nach dem Bayern-Spiel gab’s in der »Bild«-Zeitung die Note 6 für dich, im »Kicker« eine 5. Die »Hamburger Morgenpost« gab dir eine 3,5 und die »Sportschau« bescheinigte dir, »einer der Besten im Team« gewesen zu sein. Wie gehst du mit der neuen Öffentlichkeit um?
Ach, auf diese Notengeschichten gebe ich nicht viel. Ich mache mich da nicht unnötig verrückt. Deshalb kaufe ich erst gar keine Zeitungen, um zu gucken, wie ich benotet wurde. Für mich zählt das Wort des Trainers. Der sagt mir, was ich schlecht oder gut gemacht habe. Aber dass das Interesse an uns größer geworden ist, gefällt mir sehr gut.
 
Ist das Paderborn-Märchen nach den jüngsten Niederlagen schon wieder beendet?
Doch nicht, weil wir gegen Bayern und Gladbach verloren haben! Nein, das Märchen ist noch nicht beendet.
 
Du bist in der Metropole Hamburg aufgewachsen, wie ist es für dich in Paderborn?
Obwohl Paderborn für mich klein ist, kann man dort sehr gut leben. Ich bin jetzt fast sechs Jahre beim SC Paderborn, habe hier gute Freunde gefunden, nicht nur über den Fußball. Ich bin zufrieden, es gefällt mir so gut, dass ich mir auch vorstellen kann, nach der Karriere dort zu bleiben. Aber: Hamburg bleibt immer meine Nummer eins.
 
In Hamburg hat dich allerdings nie jemand entdeckt. Warum bist du in jungen Jahren keinem Talentspäher des FC St. Pauli oder HSV aufgefallen?
Der damalige HSV-Trainer Thomas Doll hat sich ja erst bei mir gemeldet, nachdem mein Wechsel zu Werder II für den Sommer 2004 feststand. Und zu St. Pauli hatte ich nie Kontakt. Da gab es immer nur Andeutungen, aber bei denen war ich nur zweite Wahl.
 
Ist es deshalb eine besondere Genugtuung, wenn du in Hamburg gewinnst, so wie neulich bei eurem spektakulären 3:0-Sieg beim HSV?
Wenn wir in Hamburg spielen, bin ich immer besonders heiß. Die sollen ruhig wissen, dass woanders auch Hamburger rumlaufen, die ein bisschen kicken können. Und die sie hätten haben können, wenn sie nur die Augen aufgemacht hätten. Ja, ein bisschen Genugtuung ist dabei.
 
Dein alter Stadtteilverein HEBC in Hamburg pflegt besondere Kontakte nach Bremen, weil Ex-Werder-Spieler Thomas Wolter einst bei HEBC aktiv war. Du bist 2004 zur zweiten Mannschaft von Werder gewechselt, wo Wolter mittlerweile als Trainer arbeitete. Deine Karriere ist ein bisschen dem Zufall zu verdanken, oder?
Ja, das kann man so sagen. Sonst würde ich wohl immer noch bei HEBC spielen. Natürlich habe ich immer von einer Profikarriere geträumt, aber mit 23 Jahren war ich eigentlich schon zu alt. Zumal mein Leben vorher nicht gerade auf Profifußball ausgerichtet war.
 
Du hast mit 17 Jahren einige Turbulenzen im Leben durchgemacht. Was war da los?
Erst bin ich von der Schule geflogen und in eine andere Schule zwangsversetzt worden. Aber weil die am anderen Ende der Stadt lag, bin ich da gar nicht erst hingefahren. Dann bin bei ich Vorwärts/Wacker aus dem A-Jugend-Oberligateam rausgeflogen. Und weil meine Mutter, bei der ich damals lebte, mit mir überfordert war, bat sie, dass ich ausziehe. Ich habe dann bei einem Freund gewohnt und mir mit ihm das Kinderzimmer geteilt. Dessen Eltern waren ganz unkompliziert und haben zugestimmt.
 
Und wie ging es dann weiter?
Naja, ich habe ein bisschen improvisiert. Später wohnte ich wechselweise bei verschiedenen Freunden, hatte Gelegenheitsjobs bei einer Cateringfirma im Schichtdienst und einem Getränkemarkt. Schließlich kehrte ich zu meinem Jugendklub HEBC zurück, wo ich bald in der Landesliga spielte. Dort ermöglichte mir mein damaliger Trainer, ein Lehrer, an der Handelsschule den Realschulabschluss nachzuholen. Es waren unruhige Zeiten. Aber ich war nie obdachlos oder habe unter Brücken geschlafen, wie jüngst in den Medien behauptet wurde.