Club-Spieler Enrico Valentini über seine Liebe zum 1. FC Nürnberg


»Mein Cousin an der Hupe, ich am Fenster«

Sind Sie als Teenager in Ehrfurcht erstarrt vor so begnadeten Fußballern wie Misimovic?

Am Anfang total. Das hat mich auch ein bisschen gehemmt. Denn bis dahin hatte ich Profis gnadenlos überhöht. Am krassesten war das bei Alessandro Del Piero. Der war für mich ein unerreichbarer Mensch. Ach was, kein Mensch, der war für mich ein Alien. Und so ähnlich war das auch bei den großen Namen in Nürnberg. Doch plötzlich saß ich neben ihnen und merkte: Die sind ja ganz normal. 




Valenini als Spieler der zweiten Mannschaft des 1. FC Nürnberg

Was faszinierte Sie so an Del Piero?
Das Fußballerische: Er hatte einen unverwechselbaren Schuss. Er zog von links in den Strafraum und ballerte den Ball oben rechts in den Winkel. In Italien sagt man dazu: »Tiro alla Del Piero«. In der A-Jugend hatte ich eine Phase, da habe ich ausschließlich so getroffen. Als Del Piero 2006 im WM-Halbfinale gegen Deutschland traf, habe ich mich wahnsinnig für ihn gefreut. Als wäre er ein Familienmitglied. Ich bekomme Gänsehaut, allein wenn ich darüber spreche.

Sie freuten sich so sehr, obwohl er der deutschen Mannschaft damit eine extrem bittere Niederlage bescherte? 

Nicht falsch verstehen: Ich bin Deutschland extrem dankbar für alles, was ich hier erleben durfte. Aber ich fühle italienisch. Ich habe noch immer sehr viel Familie dort, ich versuche, einmal im Jahr hinzureisen. Deutsch habe ich erst im Kindergarten gelernt.



Etwa zur gleichen Zeit, 1994, landeten Sie als Fünfjähriger beim Club und durchliefen dann bis 2010 alle Jugendmannschaften. Gibt es einen Trainer, der Sie auf ihrem Weg besonders beeinflusst hat?

Jeder Trainer war zu seiner Zeit wichtig. Am meisten für meine Persönlichkeit habe ich allerdings unter René Müller mitgenommen, der mich bei den Amateuren trainierte. Er hat mir vor allem für das Leben nach dem Fußball sehr viel mit auf den Weg gegeben.

Was denn?

Er hat meinen Horizont erweitert. Wir haben über den Glauben gesprochen, über die Bedeutung von Geld, die Bedeutung vom Fußball. Er hat mir geholfen, zu verstehen, dass mein persönliches Glück nicht allein von meiner Karriere abhängt. Davor war es bei mir so: Spielte ich gut, war ich glücklich. Spielte ich schlecht, war ich unglücklich. Das war nicht gesund.  

Waren Sie als Nachwuchsspieler von Anfang an auch automatisch Nürnberg-Fan?
Ja. Ich habe mich immer komplett mit dem Verein identifiziert und dementsprechend schon als Kind mit den Profis mitgelitten.


Wann litten Sie besonders?

Ganz schlimm war das letzte Heimspiel in der Saison 1999. Ich war damals als Balljunge dabei. Frank Baumann stand total blank vor Richard Golz und hatte die Riesenchance, er musste aus zwei Metern nur noch einschieben. Stattdessen vergab er die Möglichkeit. Fast gleichzeitig traf Jan Age Fjörtoft in Frankfurt – und wir stiegen ab. Die Reaktionen darauf werde ich nie vergessen. Das Geräusch im Stadion, das Entsetzen der Massen, nachdem Baumann das Ding vergeben hatte, all das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Zum Glück war ich damals so jung. Da verarbeitet man solche Situationen einigermaßen schnell. Wahrscheinlich war ich erstmal kicken.



Erinnern Sie sich an Ihren ersten Stadionbesuch?
Ja. Das muss in der Regionalliga-Süd-Saison gewesen sein, also 1994. Die Mannschaft spielte vor einer recht traurigen Kulisse. Die zwar für Regionalliga-Verhältnisse großartig war, aber eben nicht für die Verhältnisse vom Club. Ich weiß leider nicht mehr, gegen wen, ich weiß nur, dass es eine zweite Mannschaft war. Insgesamt also alles recht trist. In den Jahren danach war ich trotzdem dauernd dort. Als Balljunge, als Einlaufkind, mit Kumpels, mit der Familie, in der Kurve. Ich habe so ziemlich alles mitgemacht.



Ihr schönstes Erlebnis aus Fan-Sicht?

Der Pokalsieg natürlich. Jan Kristiansen aus 30 Metern in den Winkel, in der Verlängerung, ein grandioser Abend. Ich war bei uns im Lokal und habe vor Freude auf den Tisch eingedroschen. Ich bin durchgedreht. Danach fuhr ich mit meinem Cousin zum Autokorso, er an der Hupe, ich am Fenster. Dann noch ab an den Plärrer (großer Platz in Nürnberg, d. Red.). Eine Highlight-Nacht.