Christian Ziege im Interview vor dem Champions-League-Finale

»Was Klopp geleistet hat, ist kolossal«

Wenn FC Liverpool und Tottenham Hotspur im Champions-League-Finale spielen, dann wird Christian Ziege das Aufeinandertreffen zweier Ex-Klubs verfolgen. Im Interview spricht er über die Entwicklung des englischen Fußballs und eine dramatische Verletzung.

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Christian Ziege, ist das Champions League-Finale zwischen dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur für Sie ein ganz besonderes, weil Sie für beide Klubs aktiv waren?
Das Champions League-Finale ist immer ein ganz besonderes Spiel. Es ist das größte Spiel des Jahres. Aber es stimmt schon, nachdem ich bei beiden Finalisten gespielt habe, ist das diesjährige Finale für mich noch spezieller. Und ich habe ein echtes Problem: Ich weiß nicht, wem ich die Daumen halten soll.

Wirklich keine Präferenz?
Nein. Ich durfte mit beiden Vereinen sehr schöne Dinge erleben. Mit Liverpool habe ich in einer Saison den UEFA-Cup, den FA-Cup und den Liga-Cup gewonnen. Trotzdem war es für mich kein einfaches Jahr. Ich hatte zuvor bei Middlesbrough eine super Saison gespielt und wechselte anschließend zum FC Liverpool, weil ich international spielen wollte. Aus dem Nichts heraus hat mich dann der damalige Trainer Gérard Houllier nicht mehr aufgestellt – ohne Begründung. Dann habe ich im UEFA-Cup wieder eine Chance bekommen, die ich nutzen konnte. Acht Wochen lang spielte ich, dann saß ich wieder draußen. Niemand konnte mir erklären, warum – weder die Teamkollegen noch der Co-Trainer. Houllier hat nicht mit mir gesprochen. Aber es war trotzdem eine Riesenerfahrung für diesen Verein gespielt zu haben, mit diesem fantastischen Stadion und mit diesen unglaublichen Fans.

Was ist aus der Zeit bei Tottenham hängengeblieben?
Die drei Jahre bei Tottenham waren eine super Zeit. Vor allem im ersten Jahr hatten wir eine klasse Mannschaft – unter anderem mit Teddy Sheringham und Steffen Freund. Wir haben einen richtig guten Fußball gespielt. Das hat bei den Spurs auch Tradition. Die Tottenham-Fans haben schon immer verlangt, dass kein Kick and Rush, sondern guter Fußball gespielt wird – das gilt heute noch. Gelingt das nicht, kann das Publikum schon mal unruhig werden.

In Ihre Zeit bei den Spurs fällt auch eine Verletzung, die zunächst harmlos wirkte, aber fatal hätte enden können.
Gott sei Dank ist die Sache gut ausgegangen. Es passierte 2002 am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, im Spiel gegen Charlton Athletic. Ich bekam einen Schlag auf den Oberschenkel. Es war kein harter Tritt, aber mein Bein schwoll nach dem Spiel wirklich schlimm an. Ich hatte große Schmerzen. Zuerst wollte ich nicht ins Krankenhaus. Aber meine Frau bestand darauf. Dort wurde ein Kompartmentsyndrom, ein erhöhter Gewebedruck, festgestellt. Ich musste sofort operiert werden. Die Ärzte haben mir gesagt, 30 oder 45 Minuten später und sie hätten das Bein amputieren müssen, sonst wäre ich gestorben. Auch diese Bilder habe ich immer vor Augen, wenn ich an Tottenham denke. Ich musste später nochmals operiert werden. Mir wurde ein Teil der Muskulatur entfernt. Davon habe ich mich als Spieler nie mehr komplett erholt.

Tottenham gilt in England als Klub, der immer nah an Liverpool, Manchester City und United, Chelsea und Arsenal dran ist, aber doch nicht zu den »Big Five« der Premier League gehört. 

Das sehe ich anders. Für mich zählt Tottenham zum Kreis der großen Klubs in England. Der Verein war in den vergangenen Jahren immer in der Champions League dabei und wäre 2017 fast Meister geworden. Und das, obwohl der Verein nicht ganz so die finanziellen Möglichkeiten wie die anderen Klubs hat, die Sie aufgezählt haben. Tottenham hatte in den vergangenen Jahren kaum in Neuzugänge investiert, weil das Geld für den Stadionneubau benötigt wurde. Und trotzdem spielten die Spurs vorne mit. Das ist beeindruckend.

Für einen Titel hat es nicht gereicht. Gleiches gilt für den FC Liverpool und Jürgen Klopp. Wird die Kloppo-Manie in Liverpool ein Ende haben, wenn er am Ende der Saison mit den Reds erneut keinen Titel gewonnen hat?
Die Frage zeigt ein grundlegendes Problem. Die Arbeit eines Trainers wird häufig nur an Titeln gemessen. Holst du keinen Titel, ist deine Arbeit nichts wert. Ich finde das falsch und auch respektlos. Was Jürgen Klopp geleistet hat, ist kolossal – in Liverpool, aber auch bei Borussia Dortmund. In dieser Saison hat er mit Liverpool in der Premier League 97 Punkte geholt. Das alleine ist schon großartig. Jetzt steht er mit seiner Mannschaft zum zweiten Mal in Folge im Champions-League-Finale, hat auf dem Weg dorthin den FC Bayern München und den FC Barcelona ausgeschaltet. Jürgen Klopp leistet beim FC Liverpool nachweislich eine überragende Arbeit. Er passt wie die Faust aufs Auge zu diesem Verein. Der Champions-League-Titel wäre natürlich die Krönung.