Christian Schulz über Wunder, Fanproteste und Abstiegskampf

»Wir wurden nicht bedroht«

Nach neun Jahren und über 250 Erstligaspielen steht Christian Schulz mit Hannover 96 mit eineinhalb Beinen im Unterhaus. Gibt es noch Hoffnung für die Roten?

Imago

Christian Schulz, glauben Sie an Wunder?
So lange sie rechnerisch möglich sind, glaube ich immer an Wunder.
 
Letzte Saison rettete sich Hannover mit einem 2:1 am letzten Spieltag gegen den SC Freiburg vor dem Abstieg. War das ein Wunder?
Das war ein Endspiel. Und theoretisch können wir auch diesmal dieses Endspiel wieder erreichen, es sind schließlich noch 21 Punkte zu vergeben. Das muss uns motivieren, das muss uns den Glauben geben, dass noch nicht alles verloren ist.
 
Haben Sie vor der Saison schon geahnt, dass es wieder schwer wird?
Man sagt ja immer: Neue Saison, neues Glück. Und eigentlich habe ich eher an die Saison 2009/10 gedacht als wir schon mal so ein Abstiegsendspiel hatten. Damals gewannen wir am letzten Spieltag 3:0 in Bochum...
 
...und galten als einer der Top-Abstiegskandidaten für die kommende Spielzeit.
Aber wir landeten auf Platz 4 und spielten in der Europa League.
 
Dort kam Hannover nach Siegen gegen Sevilla oder Brügge bis ins Viertelfinale. Klingt wie aus einer anderen Ära.
Damit hätte nach der schlimmen Vorsaison niemand gerechnet. Als Mannschaft glaubt man also jedes Jahr von Neuem daran, dass man den Schalter umlegen kann. Man hofft, dass einen die Vergangenheit nicht mehr beschäftigt.
 
Schon im November 2015 prophezeiten Sie aber: »Diese Saison wird's schwer.«
Es gab zu Saisonbeginn einfach zu wenige Erfolgserlebnisse. Die Verunsicherung der Vorsaison war schnell wieder da. Die Ahnung, dass es erneut gegen die Abstieg geht.
 
Mit Ihren zwei Saisontoren stehen Sie auf Platz vier der internen Torjägerliste. Insgesamt hat Hannover bislang nur 22 Tore erzielt. Sagt das schon alles aus?
Natürlich wünschen wir uns mehr Tore, in der Rückrunde gab es ja nur drei Spiele, in denen wir überhaupt getroffen haben. Aber wir bekommen hinten auch viel zu viele Gegentore. Die Gesamtsituation ist einfach schwierig.
 
Neulich bot ein Supermarkt in Ahlten grün-weiße Absteiger-Schoko-Hasen für 96 Cent an. Berührt Sie so etwas? 
So ist das nun mal im Abstiegskampf: Wer den Hohn hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
 
Man kann dieser Tage auch oft lesen, dass Hannovers Heimbilanz schlechter ist als die von Tasmania Berlin anno 1965/66.
Wenn man einen Beruf hat, der in der Öffentlichkeit ausgetragen wird, muss man damit leben, dass einem solche Dinge um die Ohren gehauen werden. Aber man muss das ausblenden. Wir können eh nichts anderes machen, außer auf den Platz gehen, trainieren, spielen – und endlich mal wieder gewinnen.
 
Welches Spiel würden Sie als Knackpunkt für den weiteren Saisonverlauf ausmachen? Das Spiel gegen die Bayern, das Hannover durch einen von Ihnen verursachten Handelfmeter 0:1 verlor?
Ärgerlicher war der Rückrundenauftakt gegen Darmstadt. Das erste Spiel mit dem neuen Trainer, das erste mit Neuzugängen wie Adam Szalai oder Hugo Almeida. Wir waren guter Dinge, dass wir die Kurve kriegen.
 
Almeida traf sogar noch zum 1:0.
Das Spiel sollte die Richtung und die Stimmung beeinflussen – und dann verloren wir wieder 1:2.


 
Martin Kinds Einflüsterer Dieter Schatzschneider sagte neulich: »Man kann aus Ponys keine Rennpferde machen.« Ist die Mannschaft überhaupt bundesligatauglich?
Ich finde, dass Hannovers Kader besser ist, als der Tabellenstand aussagt. Die Gründe sind andere. Seien es verletzte Leistungsträger, der mentale Aspekt, die Negativspirale. Alles aufzuzählen, würde aber den Rahmen sprengen.