Christian Günter über die Entbehrungen eines Profifußballers

»Schon ein paar Tage später begann die Chemotherapie«

Gab es zumindest einen Abend in Ihrer Jugend, an dem Sie mal ausbrechen konnten?

Klar, bei den vorherigen Antworten sollte es auch nicht so rüberkommen, als hätte ich nie in meinem Leben eine gute Fete miterlebt. Einmal hatte ich an Fasnacht zum Beispiel Glück, da spielten wir schon am Freitagabend. Also konnte ich am Samstag und Sonntag feiern gehen und die Sau rauslassen. Einfach mal jung sein, auch mal was trinken. Diese Momente gab es. Und daran erinnere ich mich sehr gerne zurück. Insofern war das vorhin Jammern auf hohem Niveau.



Waren Sie als Kind eigentlich Fan vom SC Freiburg?

Jein. Ich war eher Sympathisant. Wir waren mit der Familie ab und an im Stadion.

Hatten Sie einen Lieblingsspieler?

Im Kopf geblieben ist mit vor allem Soumaila Coulibaly. An den habe ich die meisten Erinnerungen. Sein linker Hammer, die breiten Oberschenkel.

Jetzt sind Sie selber ein SC-Spieler, an den sich Kinder von heute später erinnern werden. 2014 machten sie sogar ein Länderspiel. Schielen Sie noch auf die Nationalmannschaft?

Eigentlich gar nicht. Ich würde mich zwar sehr freuen, wenn Joachim Löw mich nochmal einladen würde. Aber ich kann nicht mehr machen, als meine Leistung zu bringen. Wenn er das Gefühl hat, ich sollte noch mal eine Chance bekommen, ist das super. Aber ich mache mir darüber überhaupt keine Gedanken.


Christian Günter kurz vor seinem ersten und bisher einzigen Länderspiel.   Foto: imago

Müssen Sie den Verein wechseln, um wieder mehr in den Fokus zu rücken?

Diese Gedanken hatte ich natürlich schon. Aber da muss man abwägen. Denn man darf nicht unterschätzen, was man als Spieler an Freiburg hat. Viele gehen und denken, sie starten jetzt richtig durch, legen die Mordskarriere hin. Und dann stürzen sie ab. Deswegen sollte man sich immer fragen, ob es sich lohnt, all das aufzugeben, was man sich hier aufgebaut hat. Vielleicht komme ich irgendwann an den Punkt, an dem ich dazu bereit bin. An dem ich einen neuen Reiz brauche. Aber bis jetzt hatte ich dieses Gefühl nicht.



Warum nicht?

Ich kenne den Verein in- und auswendig, meine Familie ist in der Nähe, all das tut mir gut. Aber vielleicht sagt ja auch der Verein in einem Jahr: Du überzeugst uns nicht mehr, du musst gehen. Was Ihre Ausgangsfrage angeht: Das Beispiel von Nils (Petersen, d. Red.) zeigt, dass man auch als Freiburg-Spieler in die Nationalmannschaft berufen werden kann.



Am vergangenen Wochenende verpassten Sie zum ersten Mal nach zuvor 56 Bundesligaspiele in Folge über 90 Minuten eine Partie des SC Freiburg. Wie konnten Sie fast zwei Jahre am Stück spielen?

Vielleicht hatte ich mehr Glück als andere. Denn alle arbeiten gewissenhaft an ihrem Körper. Aber wenn du doof umgetreten wirst, nützt dir das halt nichts. Ich trainiere hart, bis jetzt zahlt sich das aus.



Das Thema Gesundheit spielt in Ihrem Leben eine große Rolle. Bei Ihrer Freundin wurde 2015 das Hodgkin-Syndrom diagnostiziert, also Lymphknotenkrebs. Wie haben Sie von der Diagnose erfahren?

Das war kurz vor Weihnachten. Wir hatten Urlaub geplant, die Flüge waren gebucht, doch wir mussten alles absagen und in Freiburg bleiben. Denn es ging Schlag auf Schlag, schon ein paar Tage später begann die Chemotherapie. Wenn man sich etwas näher damit beschäftigt, was diese Art von Therapie mit dem menschlichen Körper macht, welche Folgeschäden in den nächsten 10, 15 Jahren auf sie zukommen können, dann ist das schon heftig.



Aus Solidarität rasierten Sie sich damals die eigenen Haare ab.

Es war eine Extremsituation. Wir waren noch nicht lange zusammen, erst ein paar Monate. Wir waren 21 Jahre alt, da hat man andere Dinge im Kopf. In erster Linie natürlich sie, die plötzlich um ihr Leben kämpfen musste. Es gab viele sehr schwierige Situationen, die sie meistern musste, die wir gemeinsam meistern mussten. Und es ist nicht selbstverständlich, dass unsere Beziehung diese Krankheit überstanden hat. Denn spricht man mal mit Ärzten, hört man vor allem Horrorgeschichten.  



Ein Jahr später war der Spuk vorerst vorbei.

Wir saßen gemeinsam im Arztzimmer, vorher war sie einmal komplett durchgecheckt worden. Die Lunge, der Kopf, alles. Dann gab der Arzt Entwarnung: Es war alles gut. Ein wunderschöner Moment. Wir sind dann erstmal nach Hause gefahren und haben einen Sekt getrunken. Und uns einfach gefreut. Obwohl wir auch damals schon wussten, dass man diese Krankheit nie ganz besiegt. Weswegen sie auch weiterhin sehr bewusst leben muss. Aber im Moment ist sie fit. Uns beiden geht es super.