Christian Günter über die Entbehrungen eines Profifußballers

» Es tut mir leid, dass sie unter meiner Karriere gelitten hat«

Wie ist es heute: Verpassen Sie immer noch viel?

Sagen wir mal so: Die WhatsApp-Gruppen machen es nicht einfacher. Man sieht Bilder, man liest Nachrichten. Das tut schon ein bisschen weh. Am schlimmsten ist es bei Hochzeiten von Freunden. Davon habe ich in den vergangenen Jahren viel zu viele verpasst.

In Ihrer Jugend mussten Sie auch Abstriche im Familienleben machen.

In der Zeit zwischen meinem 13. und meinem 18. Lebensjahr habe ich von meiner Schwester quasi nichts mitbekommen. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Meine Eltern habe ich wegen der Fahrerei viel gesehen. Aber sie? Viel zu selten.

Wie war das für Ihre Schwester, wenn sich die gesamte Familie um das Hobby des kleinen Bruders kümmern muss?

Brutal. Mein Vater war viermal die Woche mit mir unterwegs. Da hat sie ihn dann zehn Minuten am Abend gesehen. Das war für sie extrem schwierig. Im Nachhinein tut es mir leid, dass sie auch ein Stück weit unter meiner Fußballkarriere gelitten hat.

Kam es je zum Streit?

Nein, sie hat mir immer alles gegönnt, sie hat sich für mich gefreut. Und meine Eltern haben auch immer darauf geachtet, dass sie nicht zu kurz kommt. Aber heute kann ich besser einschätzen, wie schwer diese Jahre für sie gewesen sein müssen. Denn jahrelang ging es oft vor allem darum, wie wir als Familie meine Woche organisiert bekommen.


A-Jugend-Kapitän Christian Günter vor dem DFB-Pokalfinale.  Foto: imago


Haben Sie mal versucht, sich in irgendeiner Form bei Ihrer Schwester zu revanchieren?
Das ist quasi unmöglich. Aber ich versuche es. Auf ihrer Hochzeit habe ich zum Beispiel eine Rede gehalten, in der ich all diese Dinge angesprochen und ihr gesagt habe, wie dankbar ich bin. Mir ist klar, dass all das, was sie für mich getan hat, nicht selbstverständlich ist. 



Diese Hochzeit haben Sie also nicht verpasst.
Nein, zum Glück nicht. Aber auch nur, weil sie extra geschaut hat, wann es bei mir passt. Auch da musste sich mein Umfeld also nach mir richten. Das muss man sich mal vorstellen: Normalerweise würde man dem Brautpaar immer sagen: »Macht, wie es für euch am besten ist, schließlich ist es eure Hochzeit!« Aber ich muss immer hinzufügen: »Wenn ihr wollt, dass ich dabei bin, solltet ihr auf den Spielplan vom SC schauen.« Eigentlich der totale Wahnsinn. Bei Urlauben mit meiner Freundin ist es das gleiche. Irgendwann ist dir das als Spieler total unangenehm. Aber so ist das Leben als Profi. Ich kann mir nicht einfach vier Wochen im August frei nehmen.



Als Sie 16 Jahre alt waren, nannten Ihre Mitschüler Sie einen Streber. Womit hatten Sie das verdient? Saßen Sie immer in der ersten Reihe? Mit extra dicken Brillengläsern?

Nein, gar nicht. Das Wort Streber bezog sich allein auf meine schulischen Leistungen, ich hatte immer einen Einser-Schnitt. Einerseits fiel mir der Stoff leicht, andererseits habe ich auch immer aufgepasst im Unterricht. Ich wusste ja, dass mir die Zeit fehlt, Sachen außerhalb von der Schule alleine nachzuholen.

Das Wort Streber bekommen Fußballer sonst eher nicht um die Ohren gehauen.

Wie gesagt: Es ging nur um meine Noten. Denn was das Soziale anging, hatte ich innerhalb der Klasse als SC-Spieler fast automatisch einen gewissen Status. Außerdem gab es zum Beispiel Lehrer, die Freiburg-Fans waren. Die haben oft nachgefragt, wie es im Verein so läuft. Oder sie ließen mich früher aus dem Unterricht abhauen, wenn ich Training hatte. Dadurch ist man fast automatisch kein ganz normaler Schüler. 



Verrutscht einem als junger Mensch irgendwann die Nase nach oben?

Ich habe dieses Fußballer-Ding als Jugendlicher nie vor mir her getragen. Ich wollte nie etwas Besonderes sein, ich wollte nie als arroganter Fußballer rüberkommen. Im Gegenteil: Ich wollte einfach nur dazugehören. Das ist noch heute so. Bei meinen Kumpels, da will ich einfach nur einer von ihnen sein.