Christian Günter über die Entbehrungen eines Profifußballers

»Ich war sogar schon auf einer Abschlussfahrt der ersten Mannschaft dabei«

Ist er ruhiger geworden?

Es wird auch heute noch laut in der Kabine. Aber es ist ein gravierender Unterschied, ob dir als Trainer ein 30-jähriger Profi oder ein 17-jähriger Nachwuchsspieler gegenüber sitzt. Der Jugendliche braucht die extreme Ansprache vielleicht etwas häufiger. Aber: Streich kann auch heute noch ausrasten. Und das ist gut so.

Was einem bei Christian Streich stets auffällt: sein Dialekt. Verstehen alle Spieler den Trainer?

Nun ja, neue Spieler brauchen ein bisschen Zeit, bis sie alles kapieren (lacht). Aber der Trainer kann sich zusammenreißen, dann ist das eigentlich für keinen Muttersprachler ein Problem.




Christian Streich als Freiburger U19-Trainer, wütend.    Foto: imago

Manchen Leuten, die Dialekt sprechen, ist das in der Öffentlichkeit unangenehm. Wie ist es bei Ihnen: Haben Sie je überlegt, für Sky-Interviews auf Hochdeutsch umzuschulen?

Ehrlich gesagt höre ich in der Heimat schon dauernd, dass ich in Interviews längst Hochdeutsch reden würde. Was insofern stimmt, als dass ich zu Hause, wenn ich im Kreise meiner Kumpels bin, noch viel extremer rede als jetzt gerade. Ich strenge mich in Interviews schon an, dass mir auch Leute folgen können, die nicht aus dem Schwarzwald kommen.

Sie kommen aus dem Teil des Schwarzwaldes, den man mit Fug und Recht den tiefsten nennen kann. Haben Sie noch Kontakte zu ihrem Heimatverein, dem FV Tennenbronn?
Ja, ganz viel sogar. Ich war sogar schon auf einer Abschlussfahrt der ersten Mannschaft dabei, ein dreitägiger Trip in die Frankfurter Gegend. Ich versuche auch, regelmäßig Spiele zu sehen. Entweder auswärts, wenn sie in der Nähe von Freiburg spielen. Oder ich fahre heim. Meine besten Freunde spielen dort, und auch ein paar meiner Cousins.

Gibt es Dinge, die Ihnen am Amateurfußball besser gefallen als in der Bundesliga?

Obwohl meine Jungs sehr ehrgeizig sind – sie spielen derzeit Bezirksliga –, ist der Druck natürlich ein anderer. Wenn sie mal verlieren, dann steht kurz danach ein Kasten in der Mitte, jeder schnappt sich ein Bier und damit ist die Niederlage auch mehr oder weniger abgehakt. Ich glaube, das ist schön, Fußball ohne Druck.



Profis erzählen oft, dass der Druck das eigene Leben schon sehr früh massiv einschränkt. Dann fallen Schlagworte wie Entbehrungen und Verzicht. Manchmal klingt das recht abstrakt, im schlimmsten Fall nach einer Floskel. Was haben Sie konkret in Ihrer Jugend verpasst?

Da könnte ich hunderte Dinge aufzählen. Gerade, wenn es um Partys geht. Bei mir in der Gegend ist beispielsweise Fasnacht eine riesengroße Nummer. Los geht es traditionell am Donnerstag, mit dem »schmutzige Dunschdig«, und dann wird bis Sonntag durchgezogen. Da drehen hier alle frei. Aber ich konnte quasi nie mitfeiern. Donnerstag und Freitag war Training und am Sonntag hatte ich fast immer ein Spiel. Nach dem Wochenende traf ich dann die Kumpels, und Thema Nummer Eins waren die Partys. Was da wieder los war, wer an welchem Abend wie betrunken war, wer mit wem rumgeknutscht hat. Und ich hatte alles verpasst.

Lagen Sie samstagabends stundenlang wach und haben sich vorgestellt, wie viel Spaß alle anderen gerade haben?
Ganz so schlimm war es nicht. An den Abenden war ich zu Hause, meistens zusammen mit meinem Vater. Dann haben wir irgendetwas gespielt oder saßen vor dem Fernseher und haben einen Film geschaut. Nicht spektakulär, aber immerhin. Wenn der Weg so weiter geht wie bei mir, dann ist das alles ja auch kein Problem. Heute kann ich sagen: Ich habe gerne auf den Spaß verzichtet. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, etwas Schöneres gibt es nicht. Aber viele, die es am Ende nicht geschafft haben, fragen sich in meinem Alter vielleicht schon: Für was habe ich das alles eigentlich an mir vorbeiziehen lassen? Die müsste man mal fragen, ob sie irgendetwas bereuen.