Christian Günter über die Entbehrungen eines Profifußballers

»Die einzige Hoffnung: Dass der eigene Name in der Wutrede nicht fällt«

Bekamen Sie es mit der Angst zu tun?
Irgendwann machte ich mir natürlich Sorgen um meinen Vater. Meine Mutter fuhr mit dem Auto meines Opas los, um mich zu holen. Nach zweieinhalb Stunden Wartezeit auf diesem komischen Autobahn-Ausfahrt-Parkplatz, es war längst Nacht geworden, war sie endlich da.



Und ihr Vater?

Der war zu Bekannten in der Gegend gefahren, die das Missverständnis mit den zwei Parkplätzen zum Glück aufklären konnten. Irgendwann rief er mich von dort aus an. Zu Hause gab es dann das große Wiedersehen. 


Dachten Sie am Ende des Tages: »Jetzt reicht’s mir mit dem verdammten Pendeln!«

Nein, es gab ja auch niemanden, auf den ich am Ende hätte böse sein können. Viel frustrierter war ich in meinem zweiten B-Jugend-Jahr, in der U17. Ich war im älteren Jahrgang, spielte aber trotzdem kaum. Was in dem Alter normalerweise bedeutet, dass es eng wird mit der Profikarriere. Dementsprechend niederschmetternd war das Jahr, zumal meine Familie und ich ja diesen großen Aufwand betrieben. 



Warum spielten Sie nicht?

Ganz einfach: Es gab einen anderen Jungen, der auf meiner Position den Vorzug erhielt. 



Wer?

Er heißt Thomas Dold.

Ist er Profi geworden?

Nein, er ist mittlerweile Kapitän des FV Schutterwald in der Landesliga. Aber damals machte er jedes Spiel. Und ich war am Zweifeln: »Tust du dir das wirklich noch länger an?«



Warum haben Sie es sich noch länger angetan?

Einerseits hatte ich den Willen, mich zu verbessern. Mein eigener Ehrgeiz spielte eine große Rolle. Gleichzeitig machte mir das Kicken trotzdem noch großen Spaß. Mein Vater sagte immer: »Wenn der Spaß weg ist, gibst du Bescheid. Dann kannst du sofort aufhören, gar kein Problem.« Aber diesen Punkt habe ich nie erreicht. Und als das Jahr vorbei war, kam ich zu Herrn Streich.




Christian Günter als Jungprofi mit Trainer Christian Streich.   Foto: imago

Christian Streich war damals A-Jugend-Trainer in Freiburg.

Und er war von mir überzeugt. Das hat er mir von Anfang an gezeigt. Plötzlich machte ich als Kerl aus dem jüngeren Jahrgang jedes Spiel in der A-Jugend-Bundesliga. So brachte er mich peu-a-peu nach oben. 



Früher soll er ein ziemlicher Choleriker gewesen sein. Haben Sie einen Christian-Streich-Lieblingsfluch?

Puh, schwierig. Das Wort Choleriker ist mir zu drastisch. Er ist extrem emotional, er ist voll dabei, und so war er auch schon früher. Wenn ich zurückdenke an die A-Jugend, an Derbys gegen den VfB Stuttgart: Wie er uns da vor den Spielen in der Kabine heiß gemacht hat, mit welchen Worten, mit welchen Sätzen, das werde ich nie vergessen. Und klar: Wenn es mal nicht lief in der ersten Hälfte, dann hat es richtig gekracht in der Kabine. Da ist man vom Platz geschlichen und die einzige Hoffnung war, dass der eigene Name in der Wutrede nicht fällt. Danach war man aber zumindest wach.