Carsten Ramelow über die Pokal-Sensation der »Hertha-Bubis«

»Das ganz große Glück«

Ganz Berlin träumt vom Pokalfinale im eigenen Stadion. 1993 sorgten die Hertha-Amateure für eine der größten Überraschungen in der Geschichte des Cups. Hier erinnert sich Carsten Ramelow an »Rocky« und rote Ampeln.

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Man kann dem Fußball-Gott, so es ihn denn gibt (wovon die 11FREUNDE-Redaktion fest ausgeht), einen gewissen Hang zur Ironie nicht absprechen. Wie sonst ist die Geschichte von Carsten Ramelow zu erklären? Der hat ja durchaus eine großartige Karriere vorzuweisen, stand fast 400 Mal in der Bundesliga auf dem Platz, machte 46 Länderspiele und stand im WM-Finale. Und doch entbehrt seine Laufbahn nicht einer gewissen Tragik. Achtmal stand Ramelow ganz knapp vor einem großen Titelgewinn. Viermal verpasste er die Deutsche Meisterschaft, zweimal erreichte er das Pokalfinale, 2002 sogar das Endspiel um die Champions League und die Weltmeisterschaft. Achtmal ging er am Ende als Zweiter vom Rasen. Immerhin: Ramelow kann heute selbst drüber lachen. »Silber«, sagt er, »habe ich mehr als genug.« Was sich die 11FREUNDE-Redaktion nicht traute zu fragen: Ob Ramelow auch seinen aktuellen Job nach diesem Muster ausgewählt hat. Gegenwärtig arbeitet er für die Fußballer-Gewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler. Als Vize-Präsident.

Mit uns sprach er über die erste große Final-Niederlage seiner Laufbahn. Die damals trotzdem zu einem großen Triumphzug wurde.

Carsten Ramelow, am 12. Juni 1993 standen Sie mit den Amateuren von Hertha BSC im Pokalfinale und verloren nur knapp mit 0:1 gegen Bayer Leverkusen. Deren Trainer Dragoslav Stepanovic behauptete anschließend, die Hertha hätte vor dem Spiel eine Band in der Kabine spielen lassen. Wissen Sie noch, zu wem sie sich eingrooven durften?
Da muss sich Stepi verhört haben. Wir hatten lediglich einen ziemlich leistungsstarken Ghettoblaster und einen noch leistungsstärkeren Einheizer in unserer Kabine.

Was spielte der Ghettoblaster und wer war der Einheizer?
Wenn ich mich recht erinnere, war es »Eye of The Tiger«, die »Rocky«-Hymne. Und dazu die Stimme unseres damals leider verletzten Abwehrhünen Andreas Zimmermann – ich kann schon verstehen, dass Stepi eine Band vermutete. »Zimbo« Zimmermann – 1,90-Meter groß, ein richtiges Tier, super Typ – hatte ein eindrucksvolles Organ und war ein großartiger Motivator. Allein, dass er trotz seiner Verletzung bei uns war, hat uns damals enorm gepusht.



(Schade eigentlich, dass es nicht dieser Song war...)

Sie selbst waren 1993 zarte 18 Jahre alt, einer der Jüngsten in einer ohnehin blutjungen Mannschaft. Wie muss man sich die Stimmung in dieser Truppe vorstellen?
Spätestens nach dem Viertelfinal-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg (2:1, d. Red.), damals Erstligist, schwebten wir auf Wolke sieben. Das Halbfinale im Berliner Olympiastadion gegen den Chemnitzer FC war gigantisch. Wir fuhren mit dem Bus zum Stadion, eine Polizeieskorte brachte uns durch den Verkehr. Und bei jeder roten Ampel, die wir überfuhren, brach das ganze Team in Jubel aus. Mehr als 50.000 Zuschauer warteten auf uns… Mensch, wenn ich daran denke, läuft es mir wieder eiskalt den Rücken runter! Das war das ganz große Glück, ein Riesenspaß.

Und dann gelang Ihnen auch noch der 1:0-Führungstreffer, das Spiel endete mit 2:1 und sie standen im Finale. Verzeihen Sie, Herr Ramelow, aber wir wussten gar nicht, dass Sie überhaupt Tore schießen können.
Eine Gemeinheit, zumal ich meine Karriere als Stürmer begann und früher wirklich viele Tore geschossen habe!

Tatsache, Ihre Bilanz bei den Hertha-Amateuren ist überragend: 21 Spiele, elf Tore.
Sehen Sie mal. Aber im Laufe der Zeit wurde ich von meinen Trainern immer defensiver aufgestellt und das habe ich ja offenbar auch recht ordentlich gemacht. Obwohl Sie mir glauben können, dass ich in den späteren Jahren immer am liebsten in die Spitze gestürmt wäre, wenn mich meine Trainer und Mitspieler dafür nicht zerpflückt hätten.