Campino über Liverpool und den Kop

»Anfield ist ein heiliger Ort«

Als junger Punk wurde Campino in deutschen Stadien oft mit ausgestrecktem rechten Arm begrüßt. Also suchte sich der Toten-Hosen-Sänger eine Ersatzheimat – und fand sie an der Anfield Road.

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Campino, Sie bezeichnen das Stadion an der Anfield Road als Ihre Kirche. In einer Kirche sucht man eigentlich Ruhe.
An spielfreien Tagen. Während der Messe ist die Kirche aber voll, es gibt Gesänge und die Besucher stehen beisammen, im Gefühl etwas Großen beizuwohnen.

So wie beim Fußball?
Wenn ich früher einen neuen Punksong hörte, bekam ich oftmals Schauer über den Rücken. Da war dieses Gefühl, etwas Fantastisches und Neues entdeckt zu haben. Das hat im Laufe der Zeit abgenommen. In Liverpool ist dieses Gefühl hingegen für mich über all die Jahre geblieben. Schon die Ankunft an der Anfield Road: Gänsehaut! Ich bin gerne zwei Stunden vor Spielbeginn da.

Was ist denn der Unterschied zu deutschen Stadien?
Du springst vom Bus, gehst vorbei an den Fish-and-Chips-Buden, dem legendären »Albert Pub«, den Polizisten auf ihren Pferden, den unzähligen Schal- und Fanzineverkäufern, am Hillsborough-Memorial und der Bill-Shankly-Statue. Dann stehst du unter dem Shankly-Gate mit dem Slogan »You’ll never walk alone« im Torbogen. Diese vielen Schnappschüsse der Fans aus aller Welt und dieses Gewusel sind unvergleichlich. Das ist Liverpool. Das ist Anfield.

Der legendäre Liverpool-Trainer Bill Shankly ließ einst ein Schild mit genau diesen Worten im Spielertunnel anbringen: »This is Anfield«. Eigentlich überflüssig, oder?
Ähnlich überflüssig wie die Ansage eines Bono, der bei einem Konzert die Zuschauer mit »Hi, we are U2« begrüßt. Ich verstehe das als Psychotrick. Jeder Spieler weiß natürlich, dass er sich im Anfield Stadion befindet.


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Soll dieses Schild auch die Besonderheit dieser Stätte und des Moments verdeutlichen?
Absolut. Den Mannschaften weht ja schon auf dem Weg zum Stadion die Tradition des FC Liverpool entgegen. Wenn sich ihr Bus durch die engen Häuserzeilen schlängelt, diese ganzen Backsteinarchitektur, Häuser, von deren Fenstern aus man Steine aufs Spielfeld schmeißen könnte. Und dann kommen sie aus der Kabine und sehen dieses Schild: »This is Anfield!« Ja, das ist Anield! Ein historischer Ort. Liverpools Spieler schlagen vor dem Einlaufen immer einmal mit der Hand gegen das Schild, während ihnen von draußen der Chant »You’ll never walk alone« entgegenschallt. Das ist doch brillant!

Wie sind Sie eigentlich zum FC Liverpool gekommen?
Meine Mutter war Engländerin und bei uns zuhause lief ständig der Radiosender BFBS. So kam auch ich recht früh mit englischem Fußball in Kontakt. Bald klebte ich jeden Samstag vor dem Radio und hörte mir die Spiele der ersten Division an. Sonntags bin ich dann zu den großen Zeitungsläden am Düsseldorfer Hauptbahnhof gefahren und habe mir dort den »Daily Mirror« oder den »Observer« gekauft. Damals habe ich die Berichte und Fotos ausgeschnitten und in ein Album geklebt. Liverpool hatte ich zu meinem Lieblingsverein auserkoren.

Ihre Mutter und zwei Geschwister stammen aus Burnley...
...andere Verwandte lebten in Wolverhampton. Seltsam, nicht wahr? Es gab auch in Düsseldorf keinen Freund, der meine Leidenschaft für die Reds teilte. Mich hatte niemand auf diesen Klub sensibilisiert. Das war meine eigene Sache, meine Welt, meine Liebe.

Anfang war es eine Fernbeziehung. Frustrierte das nicht?
Nein, ich war acht Jahre alt, und da war eine Stadt wie Dortmund genauso weit weg. 1973 änderte sich das. Die Reds gewannen das Hinspiel des Uefa-Cup-Finals gegen Borussia Mönchengladbach mit 3:0, Kevin Keegan traf zweimal. Am nächsten Tag sah ich sein Foto auf der Titelseite der »Rheinischen Post«. Die »Mighty Mouse« schwebte durch den Strafraum und nickte ein, darunter stand der Satz: »Keegan trifft wie ein fliegender Fisch.« Das Rückspiel fand in Düsseldorf statt – und mit einem Mal war der FC Liverpool ganz nah.

Warum konnten Sie sich anfangs nicht für Fortuna Düsseldorf begeistern?
Mit 13 Jahren war ich ein Punk und lief offen so rum. Deutsche Fußballfans hatten damals ein sehr ablehnendes Verhältnis zu linken Subkulturen. Die mischten oft den Ratinger Hof auf, später dann das Domino, wo ich mich gerne aufhielt. Die Schläger vom HSV, die Borussenfront, die Hertha-Frösche und auch die Hools von Fortuna. Ich hatte das Gefühl, ich gehöre nicht zum deutschen Fußball. Ich gehörte nach England.