Best of 2017: Was Sandro Wagner dem Typ zu sagen hat, der ihn in Köln anspuckte

»Ich bin ein Heimscheißer«

Der Markt hat sich seit Ihrem Interview noch mal verändert.
Ja, es ist noch mal verrückter geworden. Für Neymar werden 222 Millionen Euro gezahlt, plus Handgelder, plus Berater usw. China ist in den Markt gedrängt. Die haben auch bei mir schon mehrmals angeklopft, das erste Mal zu Darmstädter Zeiten. Als ich abgesagt habe, hat der Klub Anthony Ujah geholt. Da warte ich immer noch auf ein Dankeschön von Anthony. Aber im Ernst: Wenn dir jemand das Achtfache deines Gehalts bietet, netto, dann kommt jeder ins Grübeln.

Achtfach? Was machen Sie denn noch hier?
Ach, ich bin ein Heimscheißer. (Lacht). Wenn ich zu lange aus München weg bin, kriege ich Heimweh. Da wohnt meine Familie, meine Kinder. Wäre ich ungebunden, hätte ich es vielleicht gemacht. Aber mit Frau, zwei Kindern, einem Hund und ein paar Schildkröten zieht man nicht so einfach nach China.

Dann also Hoffenheim statt China. Sind Sie eigentlich der José Mourinho der TSG?
Wie meinen Sie das?

Mourinho ist dafür bekannt, ab und an mal ganz bewusst mal auf den Putz zu hauen, damit sich alles auf ihn konzentriert. Und seine Spieler haben Ihre Ruhe.
Wenn ich auf dem Platz merke, dass die anderen einschlafen, versuche ich schon bewusst, eine Situation einzustreuen, die die anderen aufweckt. Ein leichtes Foul oder mal den Ball wegschlagen. Das ist auch Show, klar. Aber wenn das Team danach wieder da ist, passt das.

Ist das der Grund, warum Sie überhaupt hier sind? Ihr Trainer Julian Nagelsmann hat immer wieder betont, dass Ihre Art dem Team gut tut.
In erster Linie bin ich sicher wegen meiner fußballerischen Qualitäten hier. Ich kannte Julian von früher, in der Jugend haben wir gegeneinander gespielt. Als wir über den Wechsel sprachen, sagte er: »Ich will dich so, wie du bist.« Das beinhaltet natürlich meine Spielweise und meine Art als Typ. Bevor ich gekommen bin, war Hoffenheim ein sehr ruhiges Team. Aber wenn du elf Heilige aufs Feld schickst, wird es schwierig. Deswegen mag ich auch Spielertypen wie früher Stefan Effenberg oder aktuell Arturo Vidal. Allein durch seine Präsenz zeigt er den Gegnern, dass ihnen die Partie keinen Spaß machen wird. Man muss selbst gespielt haben, um zu verstehen, wie so etwas ein Team pushen kann. Ich rassele in jedem Spiel mit Vidal zusammen. Und mit Abpfiff verstehen wir uns dann wieder super.

Im Sommer haben Sie Ihre ersten Länderspiele gemacht. Im Zuge dessen sagten Sie: »Ich habe 29 Jahre darauf gewartet« und »Ich wäre auch ohne Nationalmannschaft glücklich«. Welches Zitat klingt mehr nach Sandro Wagner?
Beide. Als ich klein war, war Lothar Matthäus der Größte für mich. Ich halte ihn immer noch für den besten deutschen Spieler aller Zeiten. Bei seinem Abschiedsspiel 2000 war ich Balljunge. Schon damals war es mein absoluter Traum, einmal mit diesem Trikot aufzulaufen. Nun ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Ich hätte es aber auch überlebt, wenn es nicht so gekommen wäre.

Jetzt sind Sie Confed-Cup-Sieger und ein Kandidat für die WM. Hat sich Hermann Gerland mal bei Ihnen gemeldet, um zu gratulieren?
(Lacht.) Ja, hat er.

Er war Ihr Trainer bei den Bayern-Amateuren. Und hat häufig deutlich gemacht, dass er Ihnen die Profikarriere nicht zutraut.
Beim »Tiger« bin ich damals durch ein Tränental gegangen, das war die ganz harte Schule. Aber ich habe sehr viel von ihm gelernt. Einige Jahre später hat er mir mal gesagt: »Ich habe mich noch nie getäuscht. Nur bei dir.« Mittlerweile haben wir ein super Verhältnis. Das hätten wir schon früher haben können, wenn ich damals mal auf ihn gehört hätte.

Sehen wir Sie nächstes Jahr bei uns auf Facebook, mit dem WM-Pokal in der Hand? Ohne Bildbearbeitung?
Das wäre ideal. Ansonsten müsst ihr wieder photoshoppen.

Das Interview stammt aus 11FREUNDE #190, erhältlich bei uns im Shop oder im iTunes- sowie Google-Play-Store.