Best of 2017: Was Sandro Wagner dem Typ zu sagen hat, der ihn in Köln anspuckte

»Der eine geht fischen, der andere prügelt sich gern«

Sie sagen, Sie sind nach Abpfiff weniger emotional. Im Stadion sitzen aber 50.000 Leute, für die das mitunter nicht gilt. Merken Sie das?
Die Anfeindungen haben zugenommen, im und um das Stadion herum ist es unfreundlicher geworden. Vor dem Spiel in Köln haben wir mit der TSG-Mannschaft einen Spaziergang gemacht. Wir gingen unter einer Brücke entlang und etwas traf mich an der Schulter. Zuerst dachte ich, ich hätte Vogelkacke abbekommen. Als ich hochsah, stand da ein Typ, der mich angespuckt hatte. Ich bin sofort hoch und wollte den Kerl zur Rede stellen, aber er ist abgehauen. Vielleicht liest er das ja, dann sei ihm gesagt, dass er keine Eier hat. Da ist ganz klar eine Grenze überschritten worden, die vor zehn Jahren nicht überschritten worden wäre.

Glauben Sie?
Ja. Früher war es das Schlimmste, wenn mal »Scheiß Millionäre« gerufen wurde. In Dresden haben die Fans den Spielern vor einiger Zeit Gräber ausgehoben. Sitzschalen werden in Stadien geschmissen, in Braunschweig stürmen die Fans nach der Relegationsniederlage den Rasen. Als ich mit Darmstadt in Frankfurt gespielt habe, wurden Fanutensilien abgefackelt und die Spieler bedroht. So etwas geht nicht.

Nehmen die Anhänger den Fußball zu ernst?
Ich sehe das so wie viele Fans: Ich liebe den Fußball, das ist der geilste Sport der Welt. Aber viele überdrehen. Wenn mir jemand sagt, Fußball sei sein einziger Lebensinhalt, dann halte ich das für dumm. Dem kann ich nur empfehlen, um 20 Uhr mal die Tagesschau anzumachen. Da kann er sehen, was wirklich wichtig ist. Der Fußball hat eine unglaubliche Kraft, das hat man ja zum Beispiel beim Sommermärchen 2006 gesehen. Aber zurzeit empfinde ich das Klima eher als negativ.

Das gesamtgesellschaftliche Klima?
Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und das gesellschaftliche Miteinander empfinde ich in Teilen als verroht. Das Stadion bietet manchen eine Plattform, um sich auszutoben. Ein Ventil, um Frust rauszulassen. Da haben viele Vereine zu lange zugesehen. Vor allem bei den Ultras. Ich finde, die Ultras haben zu viel Macht. Und bitte nicht falsch verstehen: Ich bin überhaupt kein Ultra-Gegner. Im Gegenteil, für die Fankultur und die Stimmung sind sie total wichtig, und ein großer Teil der Ultras ist ja auch in Ordnung. Aber es darf wegen ein paar Chaoten nicht so werden wie in Italien, wo keine Familien mehr ins Stadion kommen. Oder wie in England, wo es nur noch Sitzplätze gibt. Wenn sich Leute im Wald die Köpfe einschlagen wollen, dann sollen sie das tun. Jeder hat sein Hobby. Der eine geht fischen, der andere prügelt sich gern. Aber: Die großen Jungs machen das im Wald, fünfzig gegen fünfzig, wo es keiner mitbekommt und kein Unbeteiligter zu Schaden kommt. Die kleinen Jungs tragen ihre Aggression ins Stadionumfeld, wo sowieso eine Hundertschaft dazwischengeht, wenn es ernst wird. Die mit den kleinen Eiern treffen sich vorm Stadion, die mit den großen Eiern treffen sich im Wald. (Lacht.)

Muss der Verband rigoroser vorgehen?
Die Vereine müssten klare Kante zeigen. Aber viele Funktionäre haben einfach Angst vor den Ultras. Und auch die Spieler sind gefragt. Ich kann mir doch nicht in der einen Woche Prügel androhen lassen, und in der nächsten stehe ich auf dem Zaun und feiere mit denselben Leuten. Das geht nicht. Das würde ich auch nie machen.

Vor ein paar Jahren sagten Sie in einem Interview, dass Fußballer zu wenig verdienen. Würden Sie das noch einmal so sagen?
Die Überschrift damals war sehr plakativ gewählt. Es gab unglaublich viele Anfeindungen, aber viele haben das Interview gar nicht gelesen. Ich habe lediglich gesagt, dass es auch im Fußball um Angebot und Nachfrage geht. Wenn es eine große Nachfrage nach Top-Fußballern gibt, das Angebot aber relativ gering ist, führt das eben dazu, dass ein Spieler 15 Millionen im Jahr verdienen kann. Es gibt aber auch Profis in der dritten Liga, die das nicht bekommen. Das heißt ja nicht, dass ich das gut finde. Und das hat nichts damit zu tun, dass man als Altenpfleger bei der harten Arbeit viel zu wenig verdient.