Best of 2015: Maik Franz über seine Karriere

»Die Polizei fuhr uns mit Blaulicht nach Hause«

Ihre Zeit in Berlin verlief eher bescheiden, um es mal vorsichtig auszudrücken. Würden Sie den Wechsel im Nachhinein als Fehler bezeichnen?
Rein sportlich war der Wechsel nach Berlin das schlimmste, was mir hätte passieren können. Ich kam schon angeschlagen zur Hertha, nach zwei Spielen brach ich mir die Nase. Als ich wieder fit war, hatte das Team gerade einen Lauf und ich war erstmal draußen. Ich habe mich herangekämpft und wieder gespielt, dann riss mir das Kreuzband: Acht Monate Pause und der nächste Abstieg auf der Couch. Als ich in der Zweiten Liga wieder fit war, verletzte ich mich schwer an der Schulter – wieder fünf Monate Pause. Gegen Ende der Saison spielte ich wieder, sah am letzten Spieltag aber Rot – was bedeutete, dass ich die ersten beiden Bundesligaspiele gesperrt war. Das war mein Pech.

Warum?
Weil die Hinrunde überragend lief. Dadurch kam ich aber nicht mehr zum Zug, zur Winterpause wurden ich und Peer Kluge von Trainer Jos Luhukay aussortiert. Wir sollten fortan bei den Amateuren trainieren.

Wogegen Sie klagten.
Wir empfanden die Verbannung als ungerechtfertigt. Wir haben keine schlechte Stimmung in der Kabine verbreitet und wir haben nie ein schlechtes Wort über den Verein oder den Trainer verloren. Wenn man wollte, könnte man hier in der Berliner Presse ständig Bomben legen. Aber wir haben die Füße stillgehalten und waren einverstanden mit der Regelung, dass man uns im Winter keine Steine in den Weg legen würde.

Warum sind Sie dann bei der Hertha geblieben?
Es hat sich in der Winterpause nichts ergeben. Als die Transferphase vorbei war, mussten wir zu den Amateuren. Das haben wir als nicht rechtens empfunden, dagegen geklagt und uns schließlich mit dem Verein geeinigt.

Trotzdem ein sehr unschönes Ende, oder?
Absolut. Ich will aber auch nicht nachtreten, so läuft eben das Geschäft. Ich war 33, als es mich erwischt hat, für mich ging es nicht mehr weiter. Das war hart. Früher habe ich den Jungs, die aussortiert wurden, immer Mut gemacht und gesagt: Kopf hoch, es geht immer weiter. Aber das stimmt eben nicht. Diese Situation selber zu erleben, war nochmal eine ganz neue Erfahrung für mich. Man fühlt sich, als hätte man etwas verbrochen.

Sie haben nach einem Knorpelschaden knapp ein Dreivierteljahr in der Reha für Ihr Comeback geschuftet, obwohl Sie am Ende gar keinen Verein mehr hatten. Weil Sie sich ein schöneres Karriereende wünschten?
Nein, ich wollte einfach noch einmal dieses Gefühl erleben, in ein ausverkauftes Stadion einzulaufen. Es gibt nichts Geileres. Außerdem hätte ich die Option gehabt, noch eine Weile in den USA zu kicken, bei Philadelphia Union. Ich hatte schon das Flugticket, die Verletzung hat mir dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. Noch ein Jahr lang Amerika kennen lernen, in einer professionellen Liga kicken, in der es vielleicht ein wenig entspannter zugeht – das wäre ein Traum gewesen.

Auch ohne Abschluss in den USA: Sind Sie zufrieden mit Ihrer Karriere?
Ja, ich habe alles mitgemacht. Vom No-Name zum Bad-Boy zum Publikumsliebling. Abstiege, Aufstiege, Verletzungen, Degradierungen. Wenn man sich für die Bundesliga interessiert, kann man mich einordnen. Darauf bin ich stolz. Nur zwei Dinge finde ich schade.

Welche?
Ich habe 19 Spiele für die U21 gemacht, aber keines für die A-Nationalmannschaft. Als wir mit Karlsruhe die erste Bundesligasaison spielten, hieß es mal, man habe mich auf dem Zettel. Aber das war nie konkret.

Und die zweite Sache, die Sie schade finden?
Ich habe nie einen Titel gewonnen. Den A-Jugend DFB-Pokal, aber der zählt nicht.

Sie haben viele gute Dinge in Ihrer Karriere erlebt, am Ende aber auch die Schattenseiten der Branche kennengelernt. Welcher Nachgeschmack bleibt?
Die positiven Dinge überwiegen bei weitem. Ich hatte 15 Jahre lang das schönste Leben überhaupt. Jeden Tag zum Training und Spaß haben, am Wochenende vor 50000 Leuten spielen. Dass ich so lange Teil dieser Bundesliga-Familie sein durfte, ist ein unglaubliches Geschenk. Ich könnte mich morgen in den Flieger nach Brasilien setzen, Robson Ponte würde mir die Tür aufmachen und fragen, wie lange ich bleiben will. Ich könnte nach Ungarn zu Tamas Hajnal, nach Kroatien zu Tomislav Maric, nach Dänemark zu Thomas Ritter, zu Rob Friend nach Amerika. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.

In 48 Jahren wird die Bundesliga 100 Jahre alt. Wenn dann ein jüngerer Kollege bei Ihnen durchklingelt und nach Ihrer Lieblings-Anekdote aus Ihrer aktiven Zeit fragt, was werden Sie ihm dann erzählen?
Wahrscheinlich würde ich von der Aufstiegsfeier mit dem KSC 2007 erzählen. Wir gewannen mit 3:1 in Fürth und es war klar, dass abends 20.000 Karlsruher am Rathaus sein würden. Rolf Dohmen war damals unser Manager, in Karlsruhe hatte er den vielsagenden Spitznamen »D-D«.

»D-D«?
Das stand für »Disko-Dohmen«, entsprechend launig kann man sich die Busfahrt vorstellen, auf der er für alles gesorgt hatte. Als wir in Karlsruhe ankamen, stiegen wir in ein Cabrio und fuhren zum Rathaus, wo wir mit den Fans feierten. Abends war die offizielle Aufstiegsfeier, von der wir nach ein paar Stunden mit ein paar Leuten ausbüxten. Wir landeten in einer Hooligan-Kneipe namens »La Vida Loca«, die randvoll war mit harten Jungs. Es hat nicht lange gedauert und wir tanzten mit freiem Oberkörper auf dem Tresen – ein unvergesslicher Abend. Vor der Kneipe stand ein Polizeiauto, einer dieser Mannschaftswagen. Als wir genug hatten, sind wir raus und liefen den Polizisten in die Arme. Die wussten natürlich, wer wir sind und warum wir feiern. Und dann haben die uns mit Blaulicht nach Hause gefahren.