Bernhard Winkler über den Nachwuchs

»Wie ein Pfarrer«

Der deutsche Nachwuchs floriert. Eine der besten Kaderschmieden ist 1860 München. Wir sprachen mit U-23-Trainer Bernhard Winkler über Hoffenheims Portokasse, ungewöhnliche Trainingsmethoden und die »alte Trainerschule«. Bernhard Winkler über den Nachwuchs

Bernhard Winkler, die U 23 ist eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Nachwuchsleistungszentrum und den Profis. Wie intensiv ist der Austausch?

Die Profis schauen sich genauso unsere Spiele an, wie wir deren, außerdem beobachte ich die Spiele der A-Jugend. Wenn ein Jugendspieler für uns im Einsatz war, bespricht man sich danach: Wie es gelaufen ist, wie man sich die Zusammenarbeit in Zukunft vorstellt. Die Wege bei 1860 sind sehr kurz.  

[ad]

Das Nachwuchsleistungszentrum bringt seit Jahren immer wieder Profis hervor. Wie groß ist der Einfluss des U-23-Trainers?

Nicht so groß, das ist wirklich eine andere Baustelle. Jugend ist Jugend – der Übergang in den Herrenbereich ist ein Riesenschritt, selbst wenn er bei uns »nur« in die Regionalliga geht. Da hat sich schon so mancher erschrocken, als er auf einmal gegen einen 30-Jährigen spielen musste. Der hat viel mehr Erfahrung und spielt sie auch aus.

Die Nachwuchsarbeit wurde über Jahre von Ernst Tanner geleitet, der nun nach Hoffenheim gewechselt ist. Wie groß ist dieser Verlust für 1860?

Ach, um Gottes Willen… hier arbeiten fähige Leute, es läuft alles geregelt weiter. Ich denke nicht, dass sein Weggang ein Problem darstellt. Aber so ist es im Fußball: Wenn man ein besseres Angebot hat, dann geht man halt. Personen sind aber immer austauschbar, solange der Verein eine Philosophie verfolgt.

1860 muss nicht nur Ernst Tanner ersetzen, auch viele Spieler wurden von Klubs mit größeren Namen weggekauft. Wie sehr schmerzt das?

Schon sehr. Der Verein steckt in einer finanziellen Notlage, das ist allseits bekannt. Deswegen ist es für größere Vereine leicht, sich bei 1860 zu bedienen. In der Vergangenheit mussten wir leider immer wieder so genannte unausgereifte Talente abgeben, um als Verein zu überleben. Hätten die Spieler vorher noch in der zweiten Liga auf sich aufmerksam machen können, wären sie um einiges teurer gewesen.

Sie mussten die Spieler unter Wert ziehen lassen?

Ich hoffe, dass sich das in Zukunft ändert. Wir wollen die Jungs halten, die wir über Jahre ausbilden. Man muss den Spielern aber ein vernünftiges Angebot machen können! Ein Peniel Mlapa wäre sehr gerne hiergeblieben, davon bin ich überzeugt. Aber wir konnten ihm nicht das bieten, was Hoffenheim »aus der Portokasse« bezahlt.

Zurück zur Ausbildung: Sie sind ein Vorreiter auf dem Gebiet der »Life Kinetik«. Was verbirgt sich dahinter?

Es ist kein spezielles Fußballtraining, sondern ein Bewegungsprogramm für das Gehirn. Die Spieler bekommen koordinative und visuelle Bewegungsmuster vorgegeben und müssen diese dann umsetzen. Das sind Dinge, die sie nicht jeden Tag machen.

Warum machen Sie das?

In Mannschaftssportarten tut man gut daran, seine Handlungsschnelligkeit zu verbessern. Wenn man eine Situation schneller erkennt als sein Gegenüber, muss man nicht unbedingt schneller laufen können als der Gegner. Es ist aber nicht so wichtig wie Konditionstraining – wenn ich nicht laufen kann oder will, nützt auch Life Kinetik nichts.

Wie reagieren die Spieler auf diese ungewöhnliche Methode?

 Bis jetzt höre ich nur Positives. Außerdem machen die Übungen Spaß, das fördert den Zusammenhalt. Man kann gut über sich lachen, denn jeder sieht irgendwann mal richtig blöd aus.



Neben der Fitness wird auch das Training abseits des Rasens immer wichtiger. Mit 20,3 Jahren hat Ihr Team den jüngsten Altersdurchschnitt in der gesamten Regionalliga – wie wichtig ist eine gute Betreuung dieser extrem jungen Spieler?

Enorm wichtig! Allerdings haben wir 28 Spieler im Kader, da können wir nicht auf alle achten. Wir versuchen unheimlich viel zu reden – manchmal komme ich mir vor wie ein Pfarrer. Die Spieler wollen später zehn, fünfzehn Jahre Profi sein, dafür müssen sie eine Menge lernen.

Zum Beispiel?

Dass Fußball nicht nur Sonnenschein ist! Man hat Verletzungen oder schafft es nicht in den Kader, da muss man seinen Willen unheimlich schulen. Fußball ist harte Arbeit, das vergisst man aber gerne. In der Zeitung steht immer nur, was die Jungs verdienen – aber nicht, was sie dafür leisten müssen.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie solche Bedingungen gehabt hätten, wie Ihre Spieler heute?

Keine einfache Frage. Heute wird den Spielern unheimlich viel abgenommen, wir mussten früher wesentlich mehr Verantwortung übernehmen. Das fängt schon dabei an, dass ich meine Schuhe selber waschen und ins Stadion tragen musste. Darum brauchen sich die Jungs heute nicht mehr zu kümmern.

Zu viel des Guten?

Definitiv! Bei uns in der U 23 machen die Spieler diese Dinge selbst, aber wenn man in der ersten Liga unterwegs ist, wird einem alles abgenommen. Ich denke, das sollte man nicht übertreiben, die Spieler lernen sonst überhaupt keine Eigenverantwortung mehr.

Sie selbst wurden hingegen schon früh von Werner »Beinhart« Lorant geprägt. Geben Sie etwas von seiner harten Schule weiter?

Werner Lorant hat klipp und klar eine Richtung vorgegeben. Als Spieler wusste man: Wenn man sich daran hält, dann hat man eine Chance; wenn nicht, dann überhaupt keine.

Eine klare Linie…

Richtig. Abgesehen davon: Keiner meiner Trainer hat je mit mir darüber gesprochen, warum ich nicht aufgestellt wurde. Ich wusste dann selber, dass ich im Training mehr arbeiten musste. Wenn ich Kalli Feldkamp gefragt hätte »Trainer, warum spiele ich nicht?«, hätte ich wahrscheinlich noch sechs Wochen länger auf der Bank gesessen.