Bernd Volkens über die Reise vom Kiez zum Kap

»Alles stand in Flammen«

Kay Amtenbrink und Bernd Volkens fuhren mit einem alten VW-Bulli vom Hamburger Millerntor nach Kapstadt. Wir sprachen mit Bernd über einen Autobrand in Nairobi, St.Pauli-Fans in Äthiopien und kriminelle Polizisten. Bernd Volkens über die Reise vom Kiez zum KapKay Amtenbrink und Bernd Volkens

Bernd, ihr seid mit dem Bus von Hamburg nach Kapstadt gefahren. 122 Tage, über 10.000 Kilometer…

…und wir sind immer noch befreundet. Ein kleines Wunder.

Gab's nie Zoff?

Klar gab es mal Meinungsverschiedenheiten, doch so richtig gestritten haben wir uns nie. War alles extrem entspannt. Das hätte ich vorher auch nicht unbedingt erwartet. Man kann dieses enge Zusammensein ja nicht üben – jedenfalls nicht für eine so lange Zeit.

Erzähl mal: Wie fing alles an?

Wir spielen beide in der 8. Herren des FC St. Pauli. Eines Tages saßen wir nach dem Training zusammen und flachsten rum. Kay kam damals gerade aus Kapstadt zurück, wo seine Schwester lebt. Er war ziemlich euphorisiert und steckte mich irgendwie an.

Kein Grund, gleich mit einem alten VW-Bulli loszufahren.

Stimmt eigentlich. Doch wie das so ist mit ein paar Bier im Kopp, irgendwann spinnt man Schnapsideen zu großen Plänen. »Fliegen?«, sagte Kay. »So ein Quatsch. Wir nehmen 'ne Karre.«

Euer Internettagebuch liest sich wie ein Abenteuerroman. Tatsächlich war es auf eurer Reise manchmal richtig kritisch. Wie oft kam der Gedanke, alles wieder hinzuschmeissen?

Einmal waren wir 14 Tage irgendwo zwischen Äthiopien und Kenia unterwegs. In der totalen Einöde. Kein Handyempfang, kaum Ortschaften, wir hatten seit fünf Tagen auch kein Auto mehr gesehen. Zunächst fuhren wir uns in einem Flussbett fest, wir brauchten drei Tage, um den Bus freizubuddeln. Wenige Tage später fing der Motor Feuer. Das ganze Heck stand plötzlich in Flammen. Der erste Feuerlöscher versagte, beim zweiten war der Schaum in wenigen Sekunden verbraucht. Glücklicherweise hatten wir gerade Wasser aufgefüllt. Wir schütteten noch circa 60 Liter Wasser hinterher. Mein St. Pauli-Trikot hat's nicht geschafft...

Klingt dennoch ziemlich aussichtslos. Wie kommt man ohne Motor in der afrikanischen Steppe zur nächsten Werkstatt?

Wir wären echt aufgeschmissen gewesen, wenn wir nicht wenige Wochen vorher nicht Münchener kennengelernt hätten, die uns zu dem Zeitpunkt des Brandes mit einem Auto begleiteten.

Ihr wurdet abgeschleppt?

Und zwar 750 Kilometer bis nach Nairobi. Das Seil riss unzählige Male. Am Ende war es nur noch fünf Meter lang – doch wir konnten den Wagen der Münchener nicht mal mehr schemenhaft erkennen, so sehr staubte es. In Nairobi haben wir den Wagen drei Tage zusammengebaut. Dennoch: An diesem Punkt waren wir wirklich kurz davor, die Reise abzubrechen.

Die deutschen Medien suggerieren einen ganzen Kontinent, der in inniger Harmonie die WM feiert. Wie habt ihr das auf eurer Reise erlebt?

Die Euphorie startete recht spät. Jedenfalls war es nicht so, dass die Menschen in jedem Land durchdrehten, weil eine WM ansteht. Für die Einheimischen in Sudan oder Gambia war es aufregender, dass durch ihre Ortschaften nach Monaten mal wieder ein Auto fuhr. Fraglich bei einigen Bewohnern war auch, ob sie je zuvor einen Weißen gesehen hatten. Das Eröffnungsspiel sahen wir in Malawi. Die Stimmung war okay, aber nicht überschwänglich.

Und das erste Deutschland-Spiel?

In Gambia, in einer Kneipe. Als wir kamen, stand es schon 2:0 für Deutschland. Zuvor hatten wir Stunden nach einem Platz gesucht, wo wir das Spiel gucken können. Doch entweder fehlte Strom oder ein Fernseher. Dann erblickten wir am Wegesrand plötzlich eine kleine Bar mit Minifernseher. 30 Schwarze davor. Wir hielten an, ich hatte dummerweise vergessen, das Licht voll abzublenden – plötzlich war die ganze Menge im Lichtkegel. Komisches Gefühl. Doch wir kamen gut zurecht, auch wenn wir vom Spiel kaum was mitbekamen, wir mussten die meiste Zeit für Fotos posieren.

Wie sehr ist die Premier League eigentlich in Afrika präsent?

Sehr, die englische Liga wird häufiger übertragen als die Bundesliga. Von daher siehst du auch mehr Leute in Arsenal- oder ManUnited-Trikots als welche im Werder-Jersey. Dennoch: Einige echte Fußballfans kannten sich auch mit deutschem Fußballs aus. Einer war sogar Fan vom FC St. Pauli. Unser Rettung in Äthiopien.

Inwiefern?

Wir wollten unbedingt das Spiel St. Pauli gegen Augsburg sehen. Doch es war einfach nicht möglich einen Sender per Internet zu empfangen. Plötzlich steht Wacko vor uns und erklärt uns auf deutsch, dass er St.Pauli-Fan ist und den Klub über Benny Adrions Projekt »Viva Con Agua« kennt. Er suchte das Programm Dubai TV auf seinem Fernseher. Wir sind durchgedreht. Das war klasse.

In Deutschland wurde lange, indes wenig ausführlich, das Thema Sicherheit diskutiert. Wie sicher habt ihr euch auf der Reise gefühlt?

Angst hatte ich nie, sonst würde ich so eine Reise auch nicht machen.

Es ist nichts passiert?

Unser Wagen wurde in Jordanien geknackt. In Nairobi wurden wir von der Polizei ausgeraubt. Doch ganz ehrlich: Wenn du in Berlin und Hamburg mit den falschen Sprüchen an der falschen Ecke auftauchst, bekommst du auch eine zwischen die Ohren. Du solltest auf so einer Reise einfach nicht mit 'nem vollen Portmonaie und Rolex durch die Straßen gehen. Aber das erklärt sich eigentlich von selbst, dafür braucht man keine Medienhysterie.

Was auffällt: Die (süd)afrikanische Kultur wird in Fernsehbildern eher inszeniert, als dass man sie tatsächlich abbildet. Hat die FIFA wirklich alles glatt poliert?

Zunächst: Die Stimmung in Südafrika ist grandios. Die Leute sind sehr herzlich, sie freuen sich und merken, dass die WM ein Weltereignis ist. Doch es ist leider wirklich so, dass durch die Landung der Fifa in Südafrika die ursprüngliche Kultur verschwindet. Es sieht aus wie überall. Ich bin hier in Afrika, doch wenn ich über die Fanmeile gehe, könnte ich auch in Spanien oder Portugal oder sogar Deutschland sein.

Was bedeutet das für die lokalen Händler? Für das kleine Handwerk?

Wirklich profitieren können die Handmade-Händler nicht. Und das ist wirklich sehr schade, denn die Südafrikaner sind unglaublich kreativ, sie basteln allerlei, Puppen oder diese charakteristischen Bauarbeiterhelme. Doch letztlich schlägt die Fifa alles kaputt.  

Wie geht es jetzt weiter? Bleibt ihr bis zum Finale?

Ich muss am 1. Juli wieder zur Arbeit antreten, fliege also bald nach Hause. Es war ja sowieso ein kleines Wunder, dass ich überhaupt fünf Monate Urlaub bekommen habe.

Und der Bulli wird verschrottet?

Bist du wahnsinnig? Der muss in vier Jahren mit nach Südamerika, zur WM in Brasilien.

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Mehr Infos und Fotos zur Reise hier:
www.vom-kiez-zum-kap.com

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