Bernd Storck und Andreas Möller im Interview

»Bernd hat neue Reize gesetzt«

Was kann so ein Personalwechsel in zwei Playoff-Spielen bewirken?

Storck: Mehr als man glaubt. Deswegen habe ich zusätzlich Holger Gehrke als Torwarttrainer geholt. Der hat unseren Gabor Kiraly, der nicht unumstritten war, noch mal richtig heißgemacht. Am Ende hat es Gabor allen richtig gezeigt. (Lacht.)

Möller: Bernd hat neue Reize gesetzt. Vor dem ersten Spiel haben wir 24 Stunden am Tag zusammengesessen und Videobänder gesichtet. Eine seiner ersten Fragen war: Was hältst du von Laszlo Kleinheisler? 

Storck: Laszlo hatte bis dahin nie für die Nationalelf gespielt, und in seinem Klub wurde er wegen Vertragsstreitigkeiten nicht mehr nominiert. Ich halte ihn aber für einen großartigen Spieler, das konnte man auch sehen in einer U21-Partie gegen Portugal. Nachdem wir ihn für das Norwegen-Spiel berufen hatten, gab es natürlich wieder einige Skeptiker: »Wollt ihr den wirklich spielen lassen? Der hat doch keine Erfahrung.« Das Übliche. Und dann schießt er in Oslo das Siegtor.

Der Ungar scheint sehr skeptisch.

Storck: Der Fußball ist jedenfalls nicht sonderlich mutig oder fortschrittlich. Das zeigt sich bei den Spielern, denen wir explizit sagen müssen: Seid mutig, schaut euren Gegnern in die Augen, seid stolz, das Trikot zu tragen.

Woher kommt diese Angst?

Storck: Vielleicht sind die Schatten zu lang. Schauen Sie sich in Budapest um: Ferenc Puskas ist allzeit präsent. Mittlerweile gibt es sogar ein Bier, das nach ihm benannt ist. Die Erfolge sind großartig, die Tradition ehrenwert, aber es kann auch hemmend wirken. 

Was tun Sie dagegen?

Storck: Vor allem die jungen Spieler spüren kein großes Vertrauen in ihren Vereinen. Was daran liegt, dass die meisten Klubs der Nachwuchsarbeit in den vergangenen Jahren nur wenig Beachtung geschenkt haben. Wir haben deswegen mit dem Verband eine Klausel durchgesetzt, dass jeder Verein einen finanziellen Bonus bekommt, sobald er einen U20-Spieler einsetzt.

Möller: Bernd, erinnerst du dich noch, wie wir nach dem Spiel in Norwegen im Flugzeug nach Budapest saßen und unser Vorstand uns fragte, ob wir zu Hause ein 0:0 erreichen können?

Was haben Sie geantwortet?

Möller: Wir sagten: »Warum Unentschieden? Wir werden versuchen, auch das zweite Spiel zu Hause zu gewinnen!«

Storck: So ging es während des Rückspiels weiter. Als wir mit 1:0 in die Kabine gingen, kamen wieder die bangen Fragen: »Haltet ihr das Ergebnis?« Nein, wir halten es nicht, sagte ich. Wir spielen auf ein zweites Tor.

Das Spiel gegen Norwegen war ausverkauft. In der Liga kommen selbst zu Derbys wie Honved gegen Ferencvaros aber selten mehr als 10 000 Zuschauer. Woran liegt das?

Storck: Die Euphorie für die Nationalmannschaft ist groß, das stimmt. Auch die letzten beiden Testspiele vor der EM (gegen Kroatien und die Elfenbeinküste, d. Red.) werden vermutlich ausverkauft sein. Die Liga ist eine andere Sache. Etliche Stadien sind alt und baufällig, das Niveau ist nicht sonderlich gut und viele Leute schauen die Spiele lieber im Fernsehen. Sie können sich den Eintritt nicht leisten. Außerdem bleiben seit einiger Zeit auch die Ultras den Spielen fern. (Sie protestieren so gegen die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien, wo seit einiger Zeit Venenscanner eingesetzt werden, d. Red.)

Ungarn ist mittlerweile eine kleine deutsche Fußballenklave: Thomas Doll und Ralf Zumdick arbeiten bei Ferencvaros, Michael Oenning ist Chefcoach bei Vasas Budapest, Werner Bürger Co-Trainer bei MTK Budapest. Treffen Sie sich jede Woche zum deutschen Trainer-Stammtisch?

Storck: Wir tauschen uns natürlich über die Nationalspieler in den jeweiligen Klubs aus. Gerade mit Thomas Doll, der bei Ferencvaros hervorragende Arbeit macht und diese Saison die Meisterschaft gewonnen hat. Ferencvaros ist in vielerlei Hinsicht ein fortschrittlicher und innovativer Verein. Thomas Doll ist etwa der einzige Trainer, der leistungsdiagnostische Tests macht und weiß, wie er mit den Daten umgehen muss. Verantwortlich dafür, dass ich überhaupt in Ungarn bin, war aber Pal Dardai.

Ihr Vorgänger als Nationaltrainer.

Storck: Als ich Anfang 2015 nach Ungarn kam, übernahm ich die U20-Mannschaft und arbeitete als Sportdirektor. Als Pal als Nationaltrainer ausschied, übernahm ich zusätzlich seine Position. Er gab mir viele Tipps. Es schloss sich gewissermaßen ein Kreis.

Was meinen Sie?

Storck: 1997, ich war damals Co-Tainer von Jürgen Röber bei Hertha BSC, fuhr ich zu einem U21-Spiel zwischen Ungarn und der Schweiz, um Pal Dardai zu beobachten. Wir nahmen ihn danach unter Vertrag. Auch ein anderer Spieler machte damals großen Eindruck auf mich: der Torhüter. Er hechtete durch den Strafraum und fischte die Bälle aus der Luft wie ein Basketballer. Danach warf er sie direkt über die Mittellinie. Ein irrer Typ. Sein Name: Gabor Kiraly.

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