Bernd Schrage – kein Spiel, trotzdem Meister

»Netzer durfte alles«

Für unser neues Bundesliga-Sonderheft fotografierten wir Deutsche Meister, die nie zum Einsatz kamen. Wie Bernd Schrage, Titelträger 1971 mit Borussia Mönchengladbach.

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Bernd Schrage, fühlen Sie sich als Deutscher Meister?
(lacht) Ja, irgendwie schon. Ein Meister von der Ersatzbank.

1970/71 holten Sie mit Borussia Mönchengladbach den Titel, kamen aber nicht zum Einsatz. Waren Sie nicht gut genug?
Das würde ich nicht sagen. Aber ich war erst 18 und gerade erst von meinem Heimatverein Rot-Weiß Hünsborn zu den Gladbachern gewechselt. Torwart Nummer Eins war Wolfgang Kleff. Der war nicht nur richtig gut, der saß auch so sicher im Sattel, dass er mich vermutlich nicht mal als echte Gefahr wahrnahm.

Bernd Schrage (Foto: Imago)

Wie kommt man als gerade Volljähriger von Hünsborn zum amtierenden Deutschen Meister?
Damals lief das so ab: Wenn man in seinem Verein gute Leistungen ablieferte, wurde man irgendwann für die Kreisauswahl berufen. Dann die Bezirksauswahl und so weiter. Ich schaffte es in die Schüler- und später in die Jugendnationalmannschaft. Da spielten die größten Talente zwischen 16 und 18. 1970 bekam ich eine Einladung zum Probetraining von der Borussia. Ich ging hin, Trainer Hennes Weisweiler machte 20 Minuten ein paar Übungen mit mir, nahm mich mit in die Geschäftsstelle und ich unterschrieb einen Drei-Jahres-Vertrag. 1200 DM im Monat brutto, 1000 DM Siegprämie, 500 DM Siegprämie als Ersatztorwart. Die Ersatzspieler bekamen nur 250 DM. Und so ging es los.

Für die große Villa am Stadtrand dürfte das nicht gereicht haben.
Ich wohnte gemeinsam mit Rainer Bonhof, Werner Adler und Hans-Jürgen Wloka bei der legendären Tante Titti, einer Frau, die traditionell Spieler von Borussia Mönchengladbach aufnahm. Das war aber auch sehr schön.

Sie kamen in eine Mannschaft voller Stars – wie haben sich Jupp Heynckes, Günter Netzer und Berti Vogts gegenüber dem jungen Neuzugang verhalten?
Die waren alle sehr entspannt. Günter Netzer ging damals der Ruf voraus, ein etwas arroganter Sonderling zu sein, aber das wurde ihm nicht gerecht. Günter trennte nur strikt zwischen Beruflichem und Privatem. Seine damalige Freundin war stark in der Düsseldorfer Kulturszene verwurzelt, das passte natürlich nicht so recht zum Fußball. Er war selbstverständlich unser Alphatier, ein großartiger Fußballer, für den in Gladbach eigene Regeln galten. Einmal nahm er mich mit in seinem schicken Jaguar und raste seelenruhig in eine Einbahnstraße. Ich schaute ihn erschrocken an, doch er sagte ganz cool: »Ich darf das.« Zum Glück ging das glimpflich aus (lacht).

Sie waren ein junger Mann, der plötzlich mit Netzer im Jaguar durch die Gegend fuhr – wie groß war die Gefahr abzuheben?
Die bestand wirklich überhaupt nicht, ich war nicht der Typ für die großen Exzesse. Vielleicht mal zu später Stunde noch im »Wienerwald« ein paar Hähnchen essen, aber das war es auch schon. Hennes Weisweiler hat das gut gemacht. Der sagte uns: »Macht doch nach dem Training, was ihr wollt, so lange ihr am nächsten Morgen wieder eure volle Leistung abrufen könnt.«