Bernd Leno im Interview

»Baku? Für mich ein Skandal!«

Erst in London merkte Bernd Leno, welche Strahlkraft der FC Arsenal hat. In die Innenstadt fährt er trotzdem mit der U-Bahn. Ein Gespräch über die erste Begegnung mit Petr Cech, unterirdische Facebook-Kommentare und das verlorene Europa-League-Endspiel in Baku. 

Bild: Jan Philip Welchering
Heft: #
214

Hinweis: Das Interview stammt aus 11FREUNDE #214. Das Heft gibt es bei uns im Shop.  

Bernd Leno, haben Sie eine Bucketlist?
Nein, aber eines Tages möchte ich surfen lernen. Ich stelle mir das total cool vor, auf einem Brett über eine Welle zu schweben.

Im Fußball haben Sie als Karriereziel mal 800 Profispiele genannt.
Ambi­tioniert, ich weiß. Aber unmöglich ist es nicht, ich möchte ja noch zehn Jahre spielen.

Gerade Torhüter laufen oft erst im hohen Fußballeralter zu Höchstform auf.
Jens Lehmann hat die WM 2006 mit Mitte dreißig gespielt. Und noch mit fast vierzig habe ich ihn beim VfB durch den Strafraum fliegen sehen, dynamisch und topfit, er wirkte wie ein 30-Jähriger.

Bei Arsenal nannten sie ihn »Mad Jens«.
Weil er so weit vor dem Tor stand. Damals war das noch gar nicht üblich, denn Torhüter spielten nicht mit, sie hatten nur eine Aufgabe: das Tor zu hüten. Wann wurde die Rückpassregel eingeführt?

1992.
Mein Geburtsjahr, das passt ja. Viele Torhüter, die in jener Zeit geboren wurden – Oliver Baumann, Loris Karius oder Marc-André ter Stegen –, mussten von Anfang an lernen mitzuspielen. Heute sind fast alle Torhüter so etwas wie ein elfter Feldspieler.

Sie sind nun seit gut einem Jahr beim FC Arsenal. Was haben Sie in diesem Jahr über den Verein gelernt?
Ich wusste vorher nicht, wie groß Arsenal wirklich ist. Klar, ich kannte die Geschichte des Klubs, habe als Kind die erfolgreiche Ära mit Spielern wie Thierry Henry und Dennis Bergkamp verfolgt. Aber erst seit ich hier bin, weiß ich: In London gibt es keinen größeren Klub, nicht Chelsea, nicht Tottenham, nicht West Ham. Sie müssen sich mal anschauen, was hier los ist, wenn wir nach einer Partie mit dem Auto aus der Stadiongarage auf die Hornsey Road abbiegen. An jeder roten Ampel stehen hunderte Fans und klammern sich an den Wagen fest. Auch weltweit hat der Klub eine immense Strahlkraft, obwohl er in den vergangenen Jahren nur wenige Titel gewonnen hat. Im Sommer haben wir in den USA Testspiele gegen andere europäische Topteams bestritten. Gegen Bayern zum Beispiel – da war nix mit Bayern auf der Tribüne, es war alles in Arsenal-Hand! Und selbst gegen Real Madrid, den wohl größten Verein der Welt, waren die Sympathien im Stadion etwa gleich verteilt.

Was ist in der Premier League anders als in der Bundesliga?
Zum einen der Rasen. Ich weiß nicht, wie die das hinbekommen, aber auch bei den kleinen Vereinen ist das Grün perfekt, schön kurz und stets leicht bewässert. Das Spiel ist dadurch viel schneller. Außerdem stimmt es, was die Deutschen über den englischen Fußball sagen: Die Schiedsrichter lassen viel mehr laufen. Sogar im Fünfmeterraum, der hier quasi nicht existent ist.

Für Sie als Torhüter nicht unbedingt vorteilhaft.
Es ist ein ewiger Kampf. Dir wird der Ellenbogen ins Gesicht oder in die Rippen gedrückt, und der Schiedsrichter pfeift das nicht. Ich musste lernen, mich zu wehren und durchzusetzen.

Im Tor haben Sie sich gegen Petr Cech durchgesetzt, mit dem Sie eine besondere Geschichte verbindet.
Ich habe ihn zum ersten Mal bei meinem Champions-League-Debüt im September 2011 getroffen (Chelsea gegen Leverkusen, d. Red.). Es waren verrückte Wochen, in denen sich mein gesamtes Leben von Null auf Hundert beschleunigte. Gut einen Monat vor jenem Spiel hatte ich noch mit der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart vor 3500 Zuschauern gegen Jahn Regensburg gespielt. Dann bin ich zu Bayer Leverkusen gewechselt, wo sich René Adler verletzt hatte. Es lief erstaunlich gut, in meinen ersten drei Bundesligaspielen blieb ich ohne Gegentor.

Und dann ging es zur Stamford Bridge.
Ich war echt nervös! Als ich die Hymne gehört habe, dachte ich: »Was geht hier ab?« Petr Cech kam dann zur mir und sagte: »Alles Gute, Bernd!« Auf Deutsch wohlgemerkt, er hatte die Sprache als Kind in der Schule gelernt. Nach dem Spiel – wir verloren 0:2, ich hielt aber ganz gut – fragte ich ihn nach seinem Trikot. Er antwortete: »Klar, das hast du dir verdient.« Aber als ich mich verabschieden wollte, hielt er mich zurück. »Und was ist mit deinem Trikot?«, fragte er. »Das möchte ich gerne haben!« Ich war baff, diese Legende kannte nicht nur meinen Namen, sondern wollte auch mein Trikot haben.