Bernd Hollerbach über Würzburg, Magath und wilde Partys

»136 Gelbe Karten? Das ist nicht wenig!«

Sie lebten in Hamburg fernab der fränkischen Idylle. Was vermissten Sie?
Ein Fußballer bekommt es ziemlich leicht gemacht. Ich habe eigentlich nie Probleme gehabt, weil ich ein offener Typ bin. Und Hamburg war eine aufregende Stadt für mich: St. Pauli, Reeperbahn, die Stadt hat Flair, eine Hafenstadt, da bewegt sich was. Ich habe mich von Anfang an in Hamburg verliebt. Es ist für mich immer noch die schönste Stadt Deutschlands.
 
An Ihr Profidebüt erinnern Sie sich ganz bestimmt, oder?
Das erste Spiel war gegen Bayern München, und wir gewannen 1:0. Das war eine Sensation. Auch für mich: im Münchener Olympiastadion – und ich durfte gleich von Anfang an spielen. Das Spiel war für alle Beteiligten ein ziemliches Highlight.
 
Wie war es, plötzlich gegen gestandene Nationalspieler wie Jürgen Kohler, Klaus Augenthaler oder Olaf Thon zu spielen?
Das waren amtierende Weltmeister. Und ich mittendrin – der kleine Junge aus Rimpar (eine kleine Gemeinde unweit von Würzburg, d. Red.). Damals sind drei oder vier Busse mit Fans aus meiner Heimat nach München gefahren – und ich bin ununterbrochen gerannt. Ich kann mich noch erinnern, wie mein Trainer zwischendurch sagte: »Jetzt mach aber auch mal Pause.« Aber ich war so motiviert, dass ich immer weiter rauf und runter gerannt bin. Nach 70 Minuten wurde ich schließlich ausgewechselt, mit einem Krampf vom kleinen Zeh bis zum Ohrläppchen (grinst).
 
Trotz des Sieges in München stieg St. Pauli ab. Der traurigste Moment Ihrer Karriere?
Ja. Das hat mir sehr wehgetan. Ich glaube auch, dass uns der Sieg in München am Ende nicht gutgetan hat, weil viele Spieler danach zu träumen begannen. Wir sind aber immer weiter in den Abstiegskampf geschlittert.
 
Wie haben Sie die Situation als junger Spieler verarbeitet?
Ich war natürlich ziemlich niedergeschlagen. Ich hatte danach auch das ein oder andere Angebot, zum Beispiel wollte Bayer Leverkusen mich haben. Aber ich habe gesagt, ich bleibe in Hamburg, bringe das wieder in Ordnung und steige mit der Mannschaft wieder auf. Das habe ich dann auch geschafft, und erst dann verließ ich den Klub.
 
Nach Kaiserslautern. Eine Frage aber noch zum FC St. Pauli: Was macht diesen Verein Ihrer Meinung nach so einzig- oder andersartig?
Faszinierend ist, dass Menschen unterschiedlichster Art in der Kurve stehen: Punks aus der Hafenstraße neben Ärzten aus Blankenese, egal welcher Hautfarbe, egal welcher Nationalität. Das ist ein verschworener Haufen, und alle feiern 90 Minuten lang. Das alte Millerntor war auch für die Spieler sehr besonders, denn es war nicht so sauber, wie es heute ist. Die Toiletten in der Kabine hatten keine Türenm, und das Erholungsbecken war eine Badewanne aus dem Zweiten Weltkrieg. Das war einzigartig, der Fußball hat da einfach gelebt.
 
Sie sind 1995 zum FCK gewechselt, haben Ihre Zelte dort aber im Winter gleich wieder abgebrochen. Warum?
Kaiserslautern erlebte damals einen Umbruch. Ich habe mich von Anfang an nicht so wohlgefühlt und bin dort nie richtig warm geworden. Zugleich habe ich Hamburg vermisst, die Stadt, die Leute. Und dann kam der Anruf von Uwe Seeler (damals HSV-Präsident, d. Red.) und Felix Magath (damals HSV-Trainer, d. Red.). Allerdings war die Situation für mich nicht einfach, denn ich war ja eigentlich St.Paulianer. Beim HSV war ich anfangs nicht akzeptiert, bei St. Pauli waren sie enttäuscht, weil ich wenige Monate zuvor noch Publikumsliebling am Millerntor war.
 
Früher wurden Sie von den Fans mit »Ho-Ho-Hollerbach«-Rufen gefeiert.
Später riefen sie »Ho-Ho-Hochverrat«.
 
Hat Sie das gejuckt?
Klar geht das nicht spurlos an einem vorüber, wenn man vor 50.000 Zuschauern im Volksparkstadion spielt und einen die eigenen Fans auspfeifen. Ich hatte zu Beginn also keine gute Zeit. Daher bin ich auch Uwe Seeler und Felix Magath dankbar, denn die beiden haben mich in der schweren Anfangszeit unterstützt.
 
Sie sind gelernter Metzger. Haben Sie aus dieser Zeit etwas mit in den Fußball genommen?
Im Fußball geht’s ums Durchsetzen, das habe ich auch in der Metzger-Lehre gelernt.

Inwiefern?
Metzger ist ein schöner Beruf, aber auch ein körperlich harter Beruf. Ich musste früh aufstehen, es ging um halb fünf los, und wenn du ein eigenes Geschäft hast, dann bist du auch mal bis abends um zehn Uhr da. Manchmal bin ich von der Arbeit zum Training nach Würzburg gefahren und danach wieder zur Arbeit. Im ersten Lehrjahr habe ich 200 Mark verdient im Monat. Das war aber auch eine wichtige Erfahrung, denn ich wusste, wie schwer es mitunter sein kann, 100 Mark zu verdienen. Die Zeit hat mich insofern geerdet, und ich habe nie vergessen, wo ich hergekomme. Ich habe dort Werte vermittelt bekommen, die mir im Haifischbecken der Fußballprofis geholfen haben.
 
Zurück zum Sport. Wissen Sie, wie viele Gelbe Karten Sie bekommen haben?
Irgendwas mit 90, glaube ich.
 
Mit der Zweiten Liga zusammen waren es 136.
Das ist nicht wenig (grinst).
 
Es heißt, Sie seien ein sehr sensibler Mensch. Was ist mit Ihnen passiert, wenn sie auf den Platz gegangen sind?
Ich war ein Gerechtigkeitsfanatiker, und ich denke, das bin ich immer noch. Wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte, bin ich auch mal schnell explodiert. Ich musste erst lernen, meine Heißblütigkeit, meine Hitzköpfigkeit in den Griff zu bekommen. Ich habe natürlich immer versucht, das Beste für meine Mannschaft zu geben und an die Grenzen zu gehen. Zudem bin ich leider kein guter Verlierer, für den Profisport war das aber eine gute Eigenschaft.
 
Sie haben mal gesagt: »An mir kommt entweder der Ball oder der Gegner vorbei, aber nie beide.« Bereuen Sie eine solche Aussage im Nachhinein?
Das habe ich mehr im Spaß gesagt (grinst). Trotzdem hat mich der Spruch meine ganze Karriere verfolgt, aber ich finde den eigentlich... (überlegt) ganz lustig.
 
Sind vielleicht auch solche massentauglichen Sprüche der Grund für Ihre Beliebtheit bei den Fans? Es gibt sogar einen Hollerbach-Fanklub.
Klar, der eine oder andere Spruch ist im Medienzeitalter wichtig. Fußball ist schließlich auch Entertainment. Und den Fanklub kenne ich natürlich auch. Die haben mich schon in Rimpar besucht. Ich war nach den schwierigen Anfangsmonaten beim HSV eigentlich immer akzeptiert beim Publikum.
 
Obwohl Sie es nie zum Nationalspieler gebracht haben. Warum?
Es war damals nicht so einfach wie heute. Damals waren Spieler wie Andreas Brehme oder Christian Ziege gesetzt, die lange dabei waren.

Sehen Sie es als Makel Ihrer Karriere, nie für Deutschland gespielt zu haben?
Nein, überhaupt nicht. Das war nicht weiter tragisch.