Benedikt Höwedes interviewt die Beatsteaks

»DASS ICH DAS NOCH ERLEBEN DARF«

Du sprachst das Jubiläum an: Für Fußballer ist die aktive Karriere zeitlich stark begrenzt, die Rolling Stones spielen seit einem halben Jahrhundert. Wie lange dauert die Laufbahn der Beatsteaks noch an?
Arnim: Das Schöne ist, dass wir nie weiter als zwei Jahre im Voraus planen. Wir denken also von Tour zur nächsten Platte!


War euch denn vor 20 Jahren klar, dass ihr mal eine der größten Rockbands Deutschlands sein werdet?
Arnim: Auf keinen Fall! Sieh mal, du wolltest vermutlich Profi werden, seit du ein kleiner Junge warst. Wir wollten einfach nur Musik machen. Hätten wir geahnt, was sich daraus entwickelt, hätten wir uns bestimmt nicht »Beatsteaks« genannt.


Sondern?
Arnim: Keine Ahnung, Pink Floyd oder Rolling Stones – das sind doch geile Namen für die großen Bühnen. Wir kamen irgendwann an den Punkt, an dem wir uns entscheiden mussten: Jobben wir weiter in der Kneipe und machen ein paar Mark mit Musik oder setzen wir alles auf die Karte Band? Wir hätten auch fürchterlich auf die Fresse fallen können.


Ihr verausgabt euch bei euren Konzerten immer bis zum Äußersten. Was macht ihr zur Regeneration?
Arnim: Ich war mal eine Zeitlang boxen, aber da gab es dann von so Türsteher-Typen aus Kreuzberg im Sparring immer ziemlich auf die Fresse. Jetzt habe ich eine dreijährige Tochter, das ist weniger brutal. Außer, wenn sie mir sagt: »Papa, das Lied mag ich nicht!«
Thomas: Gott, boxen?! Ich bin da eher der Zivildienst-Typ, schlagen könnte ich mich nicht. Ich schau lieber Fußball mit meiner Freundin, das entspannt mich.


Guter Übergang: Wo wart ihr am Abend des 13. Juli 2014?
Arnim: Die finale Fangfrage! Natürlich vor der Glotze, um euch siegen zu sehen! Bei mir gibt es allerdings eine Vorgeschichte.


Erzähl!
Arnim: Ich bin ja in Ost-Berlin geboren. 1986 saß ich gemeinsam mit meinem Vater vor dem Fernseher und schaute das Finale zwischen Deutschland und Argentinien. Das war zwar angeblich der Klassenfeind, aber jeder im Osten hat damals den Wessis die Daumen gedrückt! Nach dem verlorenen Endspiel war ich am Boden zerstört. Und mein Vater so: »Ist doch jar nüscht passiert.« Da dachte ich: geiler Spruch! Am 13. Juli saß ich mit ihm auf einem der Sofas beim Public Viewing in der Alten Försterei. Als Götze das Tor schoss, ist mein Vater, immerhin schon 70, komplett ausgerastet: »JAAA! DASS ICH DAS NOCH ERLEBEN DARF!« Und ich so: »Papa, ist doch jar nüscht passiert!«


Beim Finale gegen Argentinien saß meine komplette Familie mit im Stadion. Wie ist das bei euren Konzerten?
Thomas: Meine Mutter ist 86. Aber wenn es passt, dann steht sie vor der Bühne und schunkelt im Takt mit.
Arnim: Im Gegensatz zu euch spielen wir ja die ganze Zeit mit Blick aufs Publikum. Manchmal beobachte ich dann einen ganzen Song lang nur meinen Vater, wie er, obwohl er den Text nicht kennt, rhythmisch in die Menge brüllt. Das ist großes Kino!


Sind eure Familien die größten Kritiker?
Thomas: Nee, eher Fans. Ich erinnere mich, wie mir mein Vater einst Klavier spielen beibrachte, als gerade ein Song von Guns N’ Roses im Radio lief. Da sagte er: »Mach doch mal solche Musik!«
Arnim: Mein Vater wird nicht müde, vor jedem neuen Album zu fragen: »Ist da auch ’ne Ballade drauf?« Ich muss ihn meistens enttäuschen.