Bayern-Leader Thiago Alcântara im Interview

»Drei, vier Worte können vieles kaputt machen«

Was ist für Sie als Profi der Idealzustand: über Jahre konstant mit einem Trainer arbeiten oder immer wieder neue Reize durch Trainerwechsel zu erhalten?
Schwer zu sagen. Fußball ist ein flüchtiges Geschäft. Alle drei, vier Jahre kommt ein neuer Staff. Es wäre ein interessantes Experiment, wenn Trainer nur noch alle fünf oder zehn Jahre wechseln. Aber ich habe das noch nie erlebt.

Nerven die ständigen Richtungswechsel auf Dauer nicht?
Es ist mein Job, mich auf neue Situationen einzustellen. Und es ist eine Herausforderung, ob man mit den Ideen des neuen Coachs zurechtkommt.

Klingt ja alles sehr rational, aber wo haben Sie Zweifel?
Wissen Sie, was mir in diesem Job die größten Probleme bereitet?

Nein.
Dass unser Job so öffentlich ist. Manchmal würde ich gern mehr Privatsphäre haben. Das ist übrigens ein großer Vorteil hierzulande. In Deutschland respektieren die Menschen, dass ich mein Lunch erst zu Ende esse, bevor ich für ein Selfie zur Verfügung stehe.

In Barcelona ist das anders?
In südlichen Ländern haben Menschen das Gefühl, wenn sie mich drei Mal in der Woche im Fernsehen sehen, dass ich ein alter Freund bin. Ich habe kein Problem mit Fotos, aber für manche ist es schwer, Distanz zu halten. Dann muss ich sehr aufpassen, was ich sage.

Wie meinen Sie das? Drei, vier Worte können da schon vieles kaputt machen, schließlich habe ich eine Vorbildfunktion. Aber es ist nicht einfach, wenn dich jemand umarmt oder sogar küsst, den du gar nicht kennst.

Wie gehen Sie damit um?
Ich sage: »Lass uns doch erst einmal ein Foto machen.«

Ist das Leben als Profi heute schwerer als zu Zeiten Ihres Vaters?
Es ist anders. Früher waren die Fußballer viel mystischer, viel mehr wie Rockstars. Heute sind Spieler durch die sozialen Netzwerke für Fans viel unmittelbarer und greifbarer.

Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Rafinha spielt beim FC Barcelona im Mittelfeld. Hat es Vorteile, mit einem begabten Bruder groß zu werden?
In jeder Hinsicht. Als Kinder verband uns nicht nur eine gemeinsame Leidenschaft. Ich hatte auch das Glück, dass mein Bruder damals im Tor stand, so dass wir uns gegenseitig viel beibringen konnten. Er wollte der beste Keeper werden, ich der beste Spieler, also standen wir jeden Tag auf dem Platz und ich ballerte ihm die Dinger auf den Kasten. Mit 14 war er dann so gut, dass er eine Halbzeit im Tor spielte und in der zweiten ins Mittelfeld vorrückte.

Gibt es Mitspieler beim FC Bayern, mit denen Sie ähnlich gut harmonieren wie mit Ihrem Bruder?
Natürlich gibt es Fußballer, bei denen die Chemie von Beginn an stimmt.

Bei wem zum Beispiel?
Die Chemie ist gar nicht entscheidend. Es ist wichtiger, dass ich ein Gefühl dafür entwickle, wie sich der Einzelne bewegt, wo seine Stärken liegen, um ihn einzusetzen. Mein Bruder und ich hatten sehr viel Zeit, um uns aneinander zu gewöhnen. Sowas gibt es im Leben nicht zwei Mal. Wenn man so lange miteinander harmoniert, weiß man intuitiv, welchen Rhythmus der andere hat. Aber wenn ich einen anderen Rhythmus erkenne, muss ich auch in der Lage sein, ihn aufzunehmen.

Und das funktioniert auf Ihrem spielerischen Niveau?
Natürlich gibt es Spieler, denen bestimmte Skills fehlen. Aber die haben dafür andere Fertigkeiten. Warum sind wir hier in München? Weil wir es verdienen, für diesen Klub zu spielen! Und das verbindende Element zwischen uns ist, dass wir uns stetig verbessern wollen.

Thiago Alcântara, mögen Sie die bayerische Lebensart: Weißbier & Weißwurst?
Der Brasilianer in mir mag Bier, der Spanier bevorzugt Wein. Aber ich trinke eher selten. Allerdings finde ich es großartig, wie die Leute sich während des Oktoberfests die Freiheit nehmen, für zwei Wochen wie Kinder zu sein und zu feiern.

Würden Sie das auch gern mal tun?
Es ist nicht meine Welt, aber mir gefällt es, wenn Leute Spaß an Traditionen haben.

Und Sie finden es nicht ansatzweise drollig?
Es gibt Sachen, die für Menschen mit meinem kulturellen Hintergrund schwer zu verstehen sind. Erklären Sie einem Spanier mal, was beim Oktoberfest passiert? Ich weiß noch, als ich man mir nach meiner Ankunft in München eine Weißwurst vorsetzte. Ich dachte: »Mmh, ich glaube, das esse ich jetzt besser nicht.« Aber der Koch meinte: »Probier’s halt, damit du weißt, wie es schmeckt.«

Und?
Es schmeckte gut, allerdings noch besser mit ein bisschen süßem Senf.