Bayern-Leader Thiago Alcântara im Interview

»2014 war eine Katastrophe«

Uli Hoeneß ist es gelungen, dass im Laufe der Jahre sogar der Franzose Franck Ribéry München inzwischen als Heimat verstand.
Dafür ist nicht allein Uli Hoeneß verantwortlich, sondern die gesamte Situation. Franck spielt seit Jahren großartigen Fußball, die Menschen lieben ihn dafür. Und das hat dazu geführt, dass Franck in München große Freiheit empfunden hat. Seine Familie fühlt sich wohl, er hatte einen großartigen Klub im Hintergrund. So ein Gefühl von Heimat resultiert aus einer Vielzahl von Erfahrungen.

Bei Ihnen reichen die Erfahrungen noch nicht aus?
Ich weiß nicht, ob ich in München, in Barcelona oder Rio leben werde. Momentan ist am Wahrscheinlichsten, dass ich nach meiner Laufbahn zurück Barcelona gehe, weil meine Frau von dort stammt. Aber man weiß nie.

Und Vigo?
Eher nicht, dort regnet es zu oft.

Im März 2014 verletzten Sie sich im Spiel gegen die TSG Hoffenheim am Innenband des rechten Knie. In der Folge mussten Sie drei Mal operiert werden und kamen erst ein Jahr später zurück. Wie hat diese Zeit Ihre Perspektive auf den FC Bayern geprägt?
Das war ein verlorenes Jahr, aber es war großartig zu erleben, wie ein verletzter Spieler hier unterstützt wird. Der Verein hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass man mit mir plant.

Damals klangen Sie sehr niedergeschlagen. Als Sie im Oktober 2014 erneut unters Messer mussten, sagten Sie: »Warum immer ich?«
Wer hätte das zu diesem Zeitpunkt nicht gesagt? 2014 war eine Katastrophe.

Sind Sie ein grüblerischer Typ?
Ich denke schon viel nach, auch auf dem Rasen. Manchmal vielleicht zu viel, um das Optimale aus den Möglichkeiten zu machen. Aber ich bin mir auch im Klaren darüber, was für ein glückliches Leben ich führe. Denn ich darf die Person sein, die ich immer sein wollte. Wenn ich mich erinnere, wie ich 2014 gehadert habe, denke ich: Wie egoistisch in Anbetracht der Tatsache, wie es Menschen in Afrika geht.

Wie haben Sie sich seitdem verändert?
Ich lebe in vielerlei Hinsicht bewusster und disziplinierter. Ich versuche, mich vor dem Training und vor Spielen noch intensiver vorzubereiten, vermeide es zu viel sitzen, achte auf die Ernährung und bin früh draußen beim Aufwärmen.

Welches Buch liegt aktuell auf Ihrem Nachttisch?
»Der Name der Rose« von Umberto Eco. Mein Lieblingsbuch ist übrigens: »All die ungesagten Worte« von Marc Levy. Habe ich schon zwei Mal gelesen.

Wovon handelt es?
Von einer Frau, die am Tag ihrer Hochzeit erfährt, dass ihr Vater gestorben ist, zu dem sie kaum Kontakt hatte. Doch durch ein Paket, dass er ihr geschickt hat, beginnt sie all die Dinge nachzuholen, die er gemeinsam mit ihr geplant hat.

Hat die Story einen Bezug zu Ihrem Leben?
Wie kommen Sie darauf? Ich bereue nichts, ich muss nichts nachholen. Natürlich gibt es Spielsituationen, die ich im Nachhinein ändern würde, aber das sind nur Details.

Zurück zum Stichwort: Heimat. Wo ist Ihr angestammter Platz auf dem Rasen?
Seit Jahren spiele ich auf allen möglichen Positionen im zentralen Mittelfeld. Bei Carlo war ich öfter hängende Spitze, jetzt bin ich eher eine Zehn oder etwas weiter hinten. Gefällt mir alles gut.

Als Sie vor fünf Jahren nach München wechselten, kamen Sie als Wunschspieler von Pep Guardiola. Welcher Bayern-Coach hat Sie ähnlich stark geprägt wie er?
Natürlich war Pep ein großer Einfluss. Als junger Spieler war er für mich der beste Trainer der Welt. Aber dann kamen Carlo, Jupp und auch Niko mit ihrer Herangehensweise, die teilweise ganz anders war, und halfen mir, meine Sicht auf das Spiel zu erweitern.

Worüber sprechen Sie?
Jupp ist seit 50 Jahren im Fußball. Er hat eine ganz eigene Art, ein Team zu motivieren, einen ganz eigenen Charakter, wie er mit Spielern umgeht. Sie wissen, er kam in einer schwierigen Situation, er war raus aus dem Geschäft, aber er hat uns von Anfang sehr viele Freiheiten gelassen, uns aber gleichzeitig auch gepusht. Die Mischung war perfekt. Nur wenige Trainer haben die Fähigkeit, in so einer Situation zu erkennen, welches Maß an Druck ein Team braucht.