Bayern-Leader Thiago Alcântara im Interview

»Im Leben geht es nicht nur um Titel«

Und wie kam das in den krisenhaften Wochen in dieser Saison an?
Wissen Sie, es ist doch auch in unserem Interesse, gut zu spielen und das Glücksgefühl, das Siege in einem Fußballer hervorrufen, zurückzuholen.

Wie wichtig sind Titel für Ihr Leben? Schon mit 20 holten Sie mit dem FC Barcelona die Champions League.
Im Sport und im Leben geht es doch nicht nur um Titel.

Sondern?
Darum, sich Ziele zu setzen und zu erreichen. Das kann auch bedeuten, dass ich mir vornehme, mich besser zu ernähren oder im nächsten Training fünf Tore zu erzielen. Keine Ahnung, ob es mir gelingt, aber schaffen will ich es. Aber bevor ich fünf erziele, muss ich erst mal eins machen.

Sie sprechen in Rätseln.
Es geht im Fußball darum, sich ständig individuell zu verbessern. Lerne ich dazu, wirkt es sich auf den Erfolg des Teams aus. Titel sind das Letzte, woran ein Profi denken sollte.

Woran sonst?
Daran, der Beste im Team zu sein, der beste Spieler der Stadt, der beste des Landes. Wenn jeder so denkt, kommen Trophäen von ganz allein. Ich bin der Überzeugung, dass das Maximum an Erfolg, das ein Sportler erreichen kann, nur im Teamsport möglich ist. Weil hier so viele individuelle Faktoren passen müssen.

In der Führungsetage des FC Bayern ist der Gewinn der Champions League dennoch das zentrale Ziel.
Ein Verein muss sich an solchen Dingen orientieren. Aber es gibt neun, zehn andere Klubs in Europa, die ebenfalls das Ziel und die Möglichkeiten haben, es zu erreichen.

Die WM 2014 haben Sie wegen einer Knieverletzung verpasst, bei der WM 2018 schieden Sie mit Spanien unglücklich im Achtelfinale gegen Russland aus. Könnte es passieren, dass als Profi ein Unvollendeter bleiben?
Meine Laufbahn bleibt doch nicht unvollendet, nur weil ich einen bestimmten Titel nicht hole. Eine Karriere ist unvollendet, wenn ein Spieler sich verletzt und vorzeitig aufhören muss oder weil er Mist baut, sich mit einem Teamkollegen prügelt und deshalb suspendiert wird.

Wären Sie fünf Jahre früher zur Welt gekommen, hätten Sie Teil der Goldenen Generation des spanischen Fußballs sein können.
Aus meiner Sicht haben wir auch jetzt außergewöhnlichen Akteure in der Nationalelf: Koké, Daniel Carvajal, Saul, Isco sind Spieler, die sich auf höchstem Level bewegen und noch sehr viel erreichen können. Der Mix stimmt. Und wir wachsen immer mehr zusammen.

Allerdings sind Sie bei der nächsten WM bereits 31 Jahre alt?
Aber 31 ist doch noch kein Alter. (Lacht.)

Thiago Alcântara, Sie spielen jetzt Ihre siebte Saison in München.
Ich hätte auch nie gedacht, dass ich so lange bleibe.

Warum ist es so gekommen?
Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, denke ich im Rahmen der Laufzeit. Im Fußball geht alles so schnell, niemand weiß, was darüber hinaus passiert. Aber schnell stellte sich heraus, dass es in München passt und meine Familie sich wohl fühlt. Und jetzt habe ich einen Vertrag bis 2021.

Was im Profifußball nichts mehr bedeutet.
Mir ist schon wichtig, meine Verträge zu erfüllen.

Könnten Sie sich vorstellen, in München alt zu werden?
Zeigen Sie mir einen Fußballer, der sagt: Hier werde ich mein ganzes Leben verbringen.

Wie denken Sie? Dass ich hier guten Fußball spielen will. Was soll ich über die nächste Saison nachdenken? Junge Fußballer träumen oft davon, bei dem Verein als zu werden, bei dem sie groß geworden sind. In meinem Fall ist das Barcelona, bei Basti, Philipp und Thomas der FC Bayern. Aber wenn Profi dann woanders unterschreibt, denkt er nur noch von Saison zu Saison.