Bayern-Leader Thiago Alcântara im Interview

»Ich lese lieber Bücher als Zeitungen«

Das wird bei anderen Sportlerkindern ähnlich sein.
Das Problem ist, dass mit Erfolg oft auch Reichtum einher geht, der es Kindern ermöglicht, einfacher durchs Leben zu kommen als die Eltern, die sich alles erarbeiten mussten.

Sie meinen, viele wachsen ohne das entscheidende Quäntchen Ehrgeiz auf.
Natürlich sind auch wir sehr komfortabel aufgewachsen. Aber mein Bruder und ich wussten, was unsere Eltern für ihren Erfolg gemacht haben. Und damit meine ich nicht nur, dass unser Vater uns zeigte, wie man Freistöße schießt oder verteidigt, sondern auch wie sein tägliches Leben verläuft: Wie er sich ernährt, wofür er Geld ausgibt, wie er mit anderen umgeht.

Waren Sie je in Gefahr, den nötigen Ehrgeiz zu verlieren?
Natürlich hadert man, wenn die Freunde in jungen Jahren ausgehen. Und mit 18 kann man seinem Körper noch die eine oder andere Party zumuten.

Selbst wenn man für den FC Barcelona spielt?
Manche auch noch mit 20. Vielleicht nicht am Tag direkt vor dem Spiel, aber ich kenne einige, die zumindest zwei Tage vorher abends noch loszogen. Mit 23, 24 Jahren wird das schwierig. Und wenn sie 31, 32 sind – und vielleicht schon ein paar Trophäen im Schrank haben – wird es noch anstrengender, sich den inneren Hunger zu bewahren. Dann ist es wichtig, dass der Körper mitmacht.

Wie lernt ein Mensch wie Sie, echte und von falschen Freunden zu unterscheiden?
Schon als Kind konnte genau ich beobachten, welche Leute meinen Vater umgaben. In jungen Jahren entwickelt man ein Gefühl dafür, wer die echten Freunde sind und wer nicht.

Und woran erkennt man das?
Bauchgefühl.

Lässt der Profifußball echte Freundschaften zu?
Zwei meiner besten Freunde sind aktive Spieler.

Von wem sprechen Sie?
Rodrigo kenne ich noch aus meiner Zeit in Rio, wir kamen gemeinsam nach Spanien und spielen jetzt zusammen in der Nationalelf. Mit Jonathan dos Santos habe ich bei Barça gespielt und wir haben guten Kontakt, auch wenn er jetzt für Los Angeles Galaxy spielt.

Viele Profis sagen, das Business mache es schwer, Freundschaften zu schließen.
Natürlich macht einen das Geschäft misstrauisch. In Topklubs kommen Menschen zusammen, die sich nicht kennen, die miteinander konkurrieren, und oft nicht dieselbe Sprache sprechen. Aber eigentlich ist es gar nicht schwer: Denn als Team müssen wir füreinander einstehen, wenn wir Erfolg haben wollen. Wir verbringen jeden Tag zusammen, teilen dieselben Erfahrungen und sind in einem ähnlichen Alter.

Tun sich deutsche Spieler da schwerer?
Es fällt jedem leichter, zu Menschen aus einem ähnlichen Kulturkreis Beziehungen aufzubauen. Aber als ich 2013 nach München kam, wurde ich hier sehr positiv empfangen.

Wie rezipieren Sie die deutschen Medien?
Ehrlich gesagt, ich lese lieber Bücher als Tageszeitungen und Magazine. Mich faszinieren Menschen, die die Phantasie haben, eigene Welten zu erschaffen.

Es gibt Leute geben, die glauben, Journalisten hätten diese Fähigkeit auch? (Lacht.) Sie haben Recht. Aber ich habe großen Respekt vor der Arbeit von Journalisten. Auch weil ich weiß, dass Erfolge Kritik schnell wieder verstummen lassen.

Lesen Sie die Bild?
Nein, aber natürlich reden wir in der Kabine darüber, was in Zeitungen über uns steht.