Bayern-Leader Thiago Alcântara im Interview

»Der Brasilianer in mir mag Bier, der Spanier Wein«

Coach Niko Kovac hat Thiago Alcântara zum neuen Chef im Bayern-Mittelfeld ausgerufen. Im 11FREUNDE-Interview spricht Peps einstiger Musterschüler über Heimatgefühle, zudringliche Fans und die heimliche Sehnsucht, auf dem Oktoberfest zünftig abzufeiern.

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Thiago Alcântara, was bedeutet Heimat für Sie?
Meine Heimat ist Vigo.

Ihre Eltern stammen aus Brasilien, Ihr Vater hat zwischen 1996 und 2000 für Celta Vigo gespielt. Aber Sie sind in Italien geboren und bereits mit neun Jahren nach Elche gezogen.
Aber in Vigo habe ich meine Kindheit verbracht. Meine ältesten Freunde leben dort. Auch zu den Nachbarn von damals habe ich noch Kontakt. Wenn ich nach Vigo komme, habe ich das Gefühl, so sein zu können, wie ich wirklich bin.

Das heißt?
Ein Leben ohne Filter zu führen. Ich kenne die Menschen, seit ich fünf Jahre alt bin.

Wie oft sind Sie noch dort?
Wenn es die Zeit erlaubt, drei, vier Mal im Jahr. Vigo liegt im Nordwesten Spaniens, es ist nicht ganz einfach dorthin zu gelangen. Sie stehen schon Ihr ganzes Leben in der Öffentlichkeit.

Ihr Vater ist Mazinho, der 1994 mit Brasilien Weltmeister wurde, Ihre Mutter eine bekannte brasilianische Volleyballspielerin. Sie galten schon mit 14 Jahren als Hoffnungsträger im Nachwuchs des FC Barcelona. Leben Sie in einer Blase?
Natürlich besteht diese Gefahr. Aber ich sehe es so: Der Sport hat mir in meinem Leben mehr Türen geöffnet als verschlossen. Meine Realität ist Fußball. Und deshalb versuche ich, Physis und Geist voll und ganz auf diesen Sport auszurichten.

Und das reicht, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren?
Auch Sie werden danach bewertet, was Sie tun. Wenn Sie sich Gedanken machen, was und wie sie etwas schreiben, müssen Sie sich in ein Verhältnis zur Gesellschaft setzen. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich eher selten Interviews gebe: Ich möchte danach beurteilt werden, was ich auch dem Rasen tue.

Aber Fußball ist eine Unterhaltungsindustrie, da gehört die Show dazu.
Ein Sport, der vielen Menschen Spaß macht. Das stimmt. Wir wissen beide, dass sich im Profifußball fast alles verkaufen lässt. Aber Fußball ist auch ein zentraler Bestandteil des Lebens. Da draußen gibt es Millionen, deren Gefühlsleben stark davon abhängt, ob ihr Team am Wochenende gewinnt. So gesehen trage ich als Spieler auch Verantwortung.

In welchen Augenblicken wird Ihnen das bewusst?
Ich habe Freunde, die für ihr Team leben. Die Tattoos ihres Klubs oder von Messi und Ronaldo auf dem Arm tragen.

Haben Sie dennoch Probleme, das normale Leben zu verstehen?
Ich hoffe nicht. Ich musste mir schon als 14-Jähriger viele Dinge verkneifen, die andere auslebten. Ich habe schon als Junge fast alles diesem Job untergeordnet. So etwas macht niemand, der nicht versteht, warum er es tut.

Als Spross einer Sportlerfamilie wurden Sie sehr leistungsorientiert erzogen.
Aber meinen Sie, dass macht es mir leichter, mit 14 Jahren von zuhause wegzugehen, um im tauschend Kilometer entfernten Barcelona Fußball zu spielen?

Sie kennen zumindest seit Ihrer Kindheit das Leben auf Koffern. Sie wurden in Italien geboren, wuchsen in Sao Paulo, in Vigo und Elche auf und zogen mit zehn Jahren nach Rio de Janeiro.
Natürlich waren wir viel unterwegs, aber dennoch war es stets unser Ziel, das Leben einer normalen Familie zu führen. Oft stehen Kindern populärer und erfolgreicher Menschen im Schatten der Eltern.

Was haben Ihre Eltern richtig gemacht, damit es bei Ihnen anders lief?
Gute Frage. Ein Vorteil ist zweifellos die Gabe, die unsere Eltern meinem Bruder und mir mitgegeben haben. Aber darauf hatten sie nur bedingt Einfluss. Ansonsten sind wir von beiden sehr genau auf eine professionelle Karriere vorbereitet worden.