Baumgartlinger und Lehnhoff im Gespräch

»Die Entwicklung im Fußball ist fatal«

Leverkusens Julian Baumgartlinger trifft auf Bayer-Legende Hans-Peter Lehnhoff. Die beiden sprechen über Trinkverbote, hochgeschaukelte Ablösesummen und den Fußballtennis-Star

imago
Heft: #
189

Das Gespräch mit Hans-Peter Lehnhoff und Julian Baumgartlinger fand im Rahmen unseres Bundesliga-Sonderhefts statt. Hier lest ihr nun eine ausführliche Abschrift.

Herr Lehnhoff, Sie haben für den Fototermin jenes Trikot angezogen, das Sie 1995 beim Europapokalsieg gegen Nantes getragen haben. Befinden sich in Ihrem Schrank viele alte Jerseys?

Lehnhoff: Eigentlich nur von den Europapokalspielen, das war etwas Besonderes. Ich habe die Trikots von großen Gegnern wie Inter Mailand nach Hause gebracht, von der Mutter waschen lassen und fein säuberlich zusammengelegt. Doch im Normalfall durften wir die Trikots nicht tauschen. Es gab damals schließlich nur 15 Stück, die nach Positionen vergeben wurden, nicht nach Namen. Wenn bei dir auf dem Platz die Nummer 12 lag, dann hast du eben nicht von Anfang an gespielt. In Köln war es noch extremer: Da haben sich die Stammspieler links in einer Kabine umgezogen, die Ersatzspieler rechts. Zum Glück war ich sehr früh bei der ersten Elf dabei.
Baumgartlinger: Ich kann mich auch noch an meine Jugendzeit bei 1860 erinnern, als die Trikots stark reglementiert waren. Du durftest sie nur acht Mal pro Saison tauschen, ansonsten musstest du sie nachdrucken lassen oder den Zeugwart anflehen. Heute dürfen wir im Prinzip mit den Trikots machen, was wir wollen. Wir sind echt verwöhnt.

Einzig Paulo Sergio hatte seinerzeit ein zweites Trikot druntergezogen, damit er eines beim Torjubel in die Menge werfen konnte.
Baumgartlinger: An diese Szene erinnere ich mich auch noch.
Lehnhoff: Wobei man da auch fragen muss: Wer beschäftigt sich denn schon vor dem Spiel mit dem Torjubel? Wer so etwas macht, schadet eigentlich seiner Mannschaft, weil er sich nicht voll auf das Spiel konzentriert. Zum Beispiel Das Gleiche gilt für Aubameyang, der hinter dem Tor schon mal eine Maske versteckt. Im Erfolgsfall mag das gut ausgehen, aber bei Misserfolg bekommt er derartige Dinge doch er diese Aktion sofort aufs Brot geschmiert, wenn sie auffallen.

Herr Lehnhoff, was sind aus Ihrer Sicht die größten Unterschiede zwischen Ihrer Zeit als Profi und der heutigen?
Lehnhoff: Wir haben damals schon viel verkehrt gemacht, weil wir es nicht besser wussten. Mir wurde im Hochsommer verboten, Sprudelwasser zu trinken. Ich sollte es ausspucken, damit ich keine Krämpfe bekomme. Da bin ich nach dem Spiel nach Hause gerannt und habe mich unter den Wasserhahn gelegt. Bei den Laufeinheiten war es ähnlich kurios: Die Starken sind seinerzeit mit den Schwachen gelaufen. Wenn ich da als junger Spieler mal das Tempo anzog, hieß es von den Alten: »Was ist mit dir los? Mach mal langsamer!« Die haben uns Junge schon gebremst. Das ist heute gar nicht mehr möglich.

Kennen Sie solche Ansagen, Herr Baumgartlinger?
Baumgartlinger: Natürlich kommt es vor, dass man sich untereinander mal abspricht. Dass man es zumindest versucht. Aber der Peter hat es schon angedeutet: Wir haben heute alle unsere eigene Stoppuhr, die den Puls und die Herzfrequenz misst. Zum einen läuft jeder für sich, zum anderen wird alles wissenschaftlich aufgezeichnet. Mir gefällt aber in diesen Berichten von früher die klare Hierarchie innerhalb der Mannschaften. Die Älteren haben unmissverständliche Ansagen gemacht, an denen sich die Jungen orientierten.
Lehnhoff: Es gab bei uns überhaupt keine Diskussion darüber, dass die Jungen die Trainingsmaterialien mit raustragen.
Baumgartlinger: Das wiederum ist bei uns auch noch so.
Lehnhoff: Aber es waren auch noch andere Dinge: Wenn ich als junger Spieler auf der Massagebank lag und ein älterer kam in den Raum, dann bin ich aufgesprungen und habe Platz gemacht. Allerdings war die Altersstruktur im Team auch eine andere: Zu meiner Zeit gab es sechs Spieler, die über 30 waren. Ein 19 Jahre alter Stammspieler war damals die absolute Ausnahme.
Baumgartlinger: Die jungen Spieler kommen heute auch viel früher in die erste Elf, weil sie schon in der A- oder B-Jugend wie Profis ausgebildet werden. Das Spielsystem, die Athletik, die Taktik sind bereits in der Jugend auf die Erste Mannschaft ausgerichtet. Wenn ich heute Spiele von 17-Jährigen sehe, muss ich sagen: Das ist kein Jugendfußball, sondern Erwachsenenfußball.
Lehnhoff: Alle sind darauf fokussiert, nach oben zu kommen. Dafür sind gerade hier in Leverkusen super Voraussetzungen geschaffen worden. Die Jungs von heute werden auch länger spielen können als wir. Bei uns stand ja Mitte der Woche eine Kiste Bier in der Kabine. Wie ist das bei euch? Da steht eine Kiste Obst, oder?
Baumgartlinger: (lacht) Ja, oder eine Kiste Elektrolyte.