Andrzej Buncol über die WM 1982, Leverkusen und Lewandowski

»Polen ist nicht Bayern«

Andrzej Buncol hat die goldenen Jahre der polnischen Nationalmannschaft miterlebt. Sie endete mit dem Achtelfinal-Aus bei der WM 1986. Kann Robert Lewandowski jetzt eine neue Ära einleiten? 

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Andrzej Buncol, die Tabelle der EM-Qualifikationsgruppe D sieht ja ganz gut aus. Ist Polen am Samstag Favorit?
Polen ist Erster, Deutschland Zweiter. Sieht wirklich nicht schlecht aus. (Lacht) Aber machen wir uns nichts vor: Polen muss sich auf den Kampf um den zweiten Platz konzentrieren, Weltmeister Deutschland ist klarer Gruppenfavorit. Und Sie wissen ja auch: Es ist erst ein Spiel vorbei, und da hatte Polen einen sehr leichten Gegner.
 
Ein deutscher Trainer sagte mal, dass es keine Kleinen mehr gebe.
Aber als was wollen Sie Gibraltar bezeichnen? Dennoch: Ich will den Sieg nicht schmälern. Man muss erst mal sieben Tore schießen.
 
Robert Lewandowski trifft für seine deutsche Vereine seit vier Jahren nach Belieben. Hätten Sie ihm diese Karriere zugetraut?
Ganz ehrlich: Bei Lech Posen habe ich ihn nie gesehen. Aber er hat eine tolle Entwicklung genommen, er ist ein kompletter Stürmer geworden.
 
In der Nationalelf läuft es für ihn nicht immer so gut. Er stand sogar öfter in der Kritik. Ist er der Mario Gomez Polens?
Man muss auch sehen, welche Spieler er neben sich hat. Die polnische Nationalelf ist eben nicht Bayern oder Dortmund. Dennoch glaube ich, dass er eine starke Qualifikation spielen wird. Gegen Gibraltar hat er ja schon mal vier Tore gemacht.
 
Jetzt trifft er auf seinen alten BVB-Mitspieler Mats Hummels und seinen neuen Bayern-Kollegen Jerome Boateng. Für wen ist das ein Vorteil?
Vielleicht für Robert. Wobei ich nicht so viel auf solche Prognosen gebe. Ich glaube immer noch, dass es vollkommen egal ist, gegen wen du spielst, wenn das Spiel losgeht.
 
In Polen gibt es Lichtgestalten wie Zbigniew Boniek oder Grzegorz Lato. Wie weit ist Lewandowski von denen entfernt?
Wenn er weiter konstant gut spielt, kann er zu dieser Riege aufschließen. Vielleicht ist er es sogar schon auf diesem Level. Allerdings haben Boniek oder Lato auch bei verschiedenen Weltmeisterschaften großartigen Fußball gespielt. Besonders bei der WM 1982.
 
Damals erreichten Sie mit der polnischen Nationalmannsschaft ungeschlagen das Halbfinale. Was machte die Auswahl so stark?
Der Zusammenhalt. Im ersten Spiel ging es gegen Gastgeber Italien, und wir hielten ein 0:0. Danach gab es einen kleinen Dämpfer, denn auch gegen Kamerun kamen wir über ein 0:0 nicht hinaus. Das letzte Gruppenspiel mussten wir also gewinnen. Doch auch gegen die Peruaner stand es bis zur Halbzeit 0:0. Dann drehten wir auf, weil jeder für jeden kämpfte. Am Ende stand es 5:1. Ein großartiges Spiel...
 
...mit einem tollen Tor von Ihnen.
Es war das zwischenzeitliche 4:0. Ich hämmerte den Ball direkt unter die Latte. Boniek spielte mir den Ball aber auch überragend per Hacke in den Lauf. Sowieso war Boniek bei diesem Turnier in absoluter Topform, in der zweiten Gruppenphase machte er gegen Belgien alle drei Tore. Dummerweise fiel er im Halbfinale gegen Italien aus, und wir verloren 0:2.

Boniek wechselte direkt nach dem Turnier zu Juventus Turin. Lagen Ihnen keine Angebote von westeuropäischen Topklubs vor?
Ich hatte eine lose Anfrage von einem italienischen Verein bekommen, doch damals war in Polen Kommunismus, und wir durften erst mit 28 Jahren ins Ausland gehen. Ich war aber erst 23, daher blieb ich zunächst bei Legia Warschau.  
 
1986 waren Sie 27 Jahre alt und wechselten nach Homburg. Wie war das möglich?
Als es bei Legia zu neuen Vertragsverhandlungen gekommen ist, habe ich gesagt, dass ich nur verlängere, wenn ich nach der WM den Verein ins Ausland verlassen darf. Da sie mich halten wollten, konnten wir uns einigen.
 
Und warum gerade Homburg?
Der Präsident des FC Homburg, Manfred Ommer, hatte mich kurz vor der WM in einem Trainingslager in Nürnberg gesehen, wo ich wohl eine ganz gute Figur machte. Ich sagte zu, obwohl ich von Homburg nichts wusste. Und obwohl ich bei einem guten Turnier vielleicht noch bessere Angebote bekommen hätte. Aber damals dachte ich nur: Hauptsache, Ausland. Immerhin: Ich sah, dass es nicht weit von Kaiserslautern entfernt ist, wo mein ehemaliger Legia-Mitspieler Stefan Majewski spielte. Und letztlich hatte ich ein gutes Jahr in Homburg.