André Schürrle über den Terroranschlag von Paris

»Ich habe die Druckwelle gespürt«

Als islamistische Terroristen am 13.11.2015 Anschläge auf Paris verübten, spielte André Schürrle mit der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich im Stade de France. Im Interview erzählt er, was der Abend mit ihm gemacht hat.

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205

Hinweis: Das Interview erschien erstmals in 11FREUNDE #205 Ende November 2018. Mit Fulham ist André Schürrle im Sommer aus der Premier League abgestiegen, mittlerweile spielt er in Russland unter Domenico Tedesco für Spartak Moskau. 

André Schürrle, früher liebten Sie sehr teure und sehr schnelle Autos. Wann haben Sie zuletzt zugeschlagen?
Das ist ewig her. Das Interesse ist inzwischen abgeflacht.

Weil Autos auf Dauer langweilig wurden und Sie jetzt in Yachten machen?
Nein, dafür ist auch bei mir das Geld zu knapp. (Lacht.) Als Jungprofi habe ich auf einen Schlag extrem viel Geld verdient. Damals wollte ich alles mitnehmen, schnelle Autos, teure Schuhe, ich konnte mir ja fast alles leisten. Mittlerweile sind mir solche Dinge nicht mehr wichtig. Ich habe festgestellt, dass sie mich nicht glücklicher machen.

Sie gelten als Familienmensch, haben keine volltätowierten Arme und noch nie in eine Hotellobby gepinkelt. Wäre man gemein, könnte man sagen: Ihnen fehlt es an Ecken und Kanten. Brauchen Sie endlich einen handfesten Skandal?
Bloß nicht. Aber klar, ich hätte in meiner Karriere problemlos mehr Aufmerksamkeit erregen können. Hier ein gezieltes Interview, dort ein kurioses Outfit. Aber ich wollte stets so rüberkommen, wie ich wirklich bin. Ich habe mehr Freude daran, Vereine durch die Vordertür zu verlassen. Das ist mir bisher gelungen. Und ich möchte auch weiterhin, dass die Menschen mich als höflichen und netten Kerl in Erinnerung behalten.

Wenn Sie auf Luxus keinen Wert mehr legen, was brauchen Sie dann?
Ich brauche meine Vertrauten, meine Verlobte, meine engen Freunde. Am besten rund um die Uhr um mich herum. Ich bin nicht gerne längere Zeit alleine. Gute Gespräche, Beisammensein, das sind Dinge, die mir heute wichtiger sind.

Warum wollten Sie dann im Sommer 2018 unbedingt weg aus Deutschland?
Weil ich das Gefühl hatte, zur Zielscheibe zu werden. Bestimmte Medien haben sehr häufig negativ über mich berichtet, bei manchen Fans schlug die Stimmung mir gegenüber auch deswegen um. Die allermeisten Fans standen zwar hinter mir, trotzdem wollte ich wieder mehr Ruhe für mich und mein Umfeld finden.

Auch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke kritisierte Sie. In einem Interview mit der »Welt« sagte er Anfang des Jahres, dass der Verein unzufrieden mit Ihnen sei. Außerdem hätten Sie »nicht nur in Dortmund nicht funktioniert«.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe viele großartige Momente in Deutschland erlebt, konnte hier Erfolge feiern und habe eine große Fangemeinde, die mir den Rücken stärkt. Ich fühlte und fühle mich in Deutschland wohl, das gilt auch für Dortmund. Letztlich wollte ich aber die ständig hohen und überzogenen Erwartungen, die negativen und oberflächlichen Einschätzungen und Meinungen und die – zumindest empfand ich es so – teils mangelnde persönliche Wertschätzung hinter mir lassen. Deswegen bin ich nach Fulham gewechselt.

Was denken die Menschen in England über Sie?
Sie honorieren, dass ich viel geleistet habe. Und Sie erkennen an, dass ich immer alles gebe. Vor allem Zweites spielte in Deutschland bei meiner Beurteilung zuletzt kaum eine Rolle.

Ihr Ex-Trainer Dieter Hecking sagte: »Er grübelt zu viel.«
Richtig ist, dass ich mich immer hinterfragt habe. Manchmal habe ich mir vielleicht auch zu viele Gedanken gemacht. Aber ich war nie lustlos, egal ob ich verletzt war, ob ich auf die Bank musste oder auf dem Platz stand. Meine Einstellung hat immer gestimmt.