André Schubert über seine Trainerkarriere

»Ich musste einstecken und hatte es verdient«

André Schubert feierte in Gladbach ein erfolgreiches Comeback als Trainer. Im Interview spricht er über seinen langen, schwierigen Weg und ein turbulentes Jahr

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André Schubert, wie oft haben Sie in der vergangenen Saison eigentlich öffentlich erklären müssen, dass Sie gelassener geworden sind?
So oft ich danach gefragt worden bin. Und das passierte eigentlich in jedem Interview. Was soll ich machen, ich bekomme die Fragen gestellt und beantworte sie.

Nur war das insofern seltsam, weil Sie etwas geschafft haben, das in Deutschland noch keinem Trainer vor Ihnen gelungen ist: eine Mannschaft trotz fünf Niederlagen vom Saisonstart weg noch in den internationalen Fußball zu führen. Warum mussten Sie sich trotzdem immer wieder dazu äußern, ob Sie Ihre Probleme überwunden haben?
Weil Dinge aus der Schublade geholt werden, die vier Jahre zurückliegen.

Damals wurden Sie beim FC St. Pauli entlassen, und man konnte lesen, sie seien »zu verbissen« gewesen und wollten »mit dem Kopf durch die Wand“« Klingt aber nach einem echten Problembären.
Ich war damals auch einer. Ich hatte etwa oft das Gefühl, dass ich von Journalisten attackiert würde. Dabei steckte hinter mancher Frage gar nichts Böses, ich habe es aber so wahrgenommen. In St. Pauli hat sich die Situation auch deshalb zugespitzt, weil mein Vorgänger Holger Stanislawski extrem über das Menschliche kam und ich anschließend ausgesprochen sachbezogen war.

Ihnen wurde vorgeworfen, dass Sie keine Fehler ertragen können.
Eine perfektionistische Ader habe ich schon. Ich will alles so gut wie möglich machen. Wobei ich mir selbst den größten Druck mache.

Wollen Sie damit sagen: Ich bin strenger zu mir selbst, als andere es sein könnten?
Das war ich zumindest mal. Wenn man etwas perfekt machen will, ist es schwer, dabei gelassen zu sein.

Als Fußballtrainer haben Sie es mit Menschen zu tun, die ständig irgendwelche Fehler machen. Haben Sie sich dann nicht den falschen Job ausgesucht?
Nein, für mich gibt es nichts Schöneres, als mit Spielern auf dem Platz zu stehen. Aber ich hatte nicht nur einen sehr hohen Anspruch an mich selbst, sondern auch an alle um mich herum. Beim SC Paderborn oder später beim FC St. Pauli habe ich viele damit überfordert, dass ich immer an noch einer Stellschraube gedreht habe und noch einer. Das führte zu Unzufriedenheit.

Haben Sie Ihre Ansprüche inzwischen heruntergefahren?
Nein, die Entwicklung war eine andere. Zunächst einmal habe ich es richtig um die Ohren bekommen – und das zurecht. Ich musste einstecken und hatte es auch nicht anders verdient. Das hat zu einem Break geführt und mich extrem lang beschäftigt.

Wie wird man denn lockerer, wenn man eigentlich ziemlich unlocker ist?
Ich musste lernen, die Dinge optimal und nicht maximal zu machen. Anfangs habe ich mich – natürlich komplett perfektionistisch – erst einmal selbst total verurteilt. Dann wurde es aber wichtiger für mich, meine Wahrnehmung zu ändern. Man kann schließlich nichts verstehen, was man nicht auch wahrnimmt. Ich musste eine Scheibe saubermachen, die voller Schlieren war, damit ich durchgucken konnte. Das hat anderthalb Jahre gedauert.

Wer hat Ihnen geholfen, den richtigen Durchblick zu bekommen?
Einerseits gute Freunde und auch mein Berater Marc Kosicke. Die Gespräche mit Fabian Boll, dem damaligen Kapitän von St. Pauli, oder mit Florian Bruns als anderem sehr erfahrenen Spieler waren für mich ebenfalls ausgesprochen hilfreich. Die beiden haben mir sehr offen gesagt, wie sie meine Zeit bei St. Pauli erlebt haben. Dabei waren sie einerseits kritisch, haben aber auch gesagt, dass ich mich nicht verrückt machen muss, weil wir vieles richtig und gut gemacht hätten und es für sie auch eine tolle Zeit gewesen sei.

Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass man sich nach einer Trennung noch einmal mit den Leuten auseinandersetzt, mit denen man Probleme hatte. Warum haben Sie das gemacht?
Weil das für mich notwendig war und ich verstehen wollte, wie andere auf bestimmte Situationen geschaut haben. Ich habe mich hinterher auch noch mal mit Journalisten getroffen. Das alles hat zu einem Prozess beigetragen, der inzwischen nicht nur für mich als Trainer, sondern auch als Mensch für ein anderes Lebensgefühl gesorgt hat.

Inwiefern?
Ich habe gelernt, eigene und fremde Fehler zu akzeptieren. Wobei es mir bei mir selber zugegebener Maßen immer noch schlechter gelingt.

Ihre letzte Zeit bei St. Pauli und die Monate danach sind ausführlich im Dokumentarfilm »Trainer« von Aljoscha Pause dargestellt worden. Hat es Ihnen geschadet, dass Ihre damaligen Probleme so publik wurden?
Nein, das Gefühl hatte ich nie.

Sie hatten sich eine Zeit zurückgezogen und sind Ende 2013 ehrenamtlicher Sportdirektor von Hessen Kassel geworden. Wie ist es zu diesem ungewöhnlichen Schritt gekommen?
Das war im Wortsinne naheliegend. Meine Mutter und ein Teil meiner Familie leben in Kassel und dort ist auch mein hauptsächlicher Wohnort. Als der Klub damals auf dem Abstiegsplatz stand, haben sie mich gefragt, ob ich helfen könne. Ich war dann für ein Vierteljahr sogar Vorstandsmitglied, um wirklich mitentscheiden zu können. Ich habe einen neuen Trainer gesucht und auch Spieler. Das war komplett ehrenamtlich, sogar die Spritkosten habe ich selbst bezahlt.