André Golke über den FC St. Pauli, Kiezpartys und Eric Cantona

»Cantona war gigantisch«

Gibt es ein Erlebnis mit den Fans, das sich bei Ihnen eingebrannt hat?
Der Aufstieg in die Bundesliga 1987/88 war sehr speziell. Das war das größte Erlebnis, vor allem mit dem Empfang hinterher. Wir hatten am letzten Spieltag in Ulm 1:0 gewonnen und sind erst spät am Abend in Hamburg gelandet. Der Flughafen wurde von zigtausend Leuten gestürmt. Einige von den Spielern sind erst gar nicht in den Bus reingekommen, weil der so voll war. Da kannte wieder irgendjemand irgendjemanden, und einige Spieler mussten dann mit dem Taxi dem Bus hinterherfahren. Einige Verrückte saßen sogar oben auf dem Mannschaftsbus und führten den Autokorso durch Hamburg an.
 
Gibt es auch einen Tiefpunkt in Ihrer Zeit bei St. Pauli?
Der Abstieg aus der Bundesliga 1991, als wir das dritte Relegationsspiel gegen die Stuttgarter Kickers 1:3 verloren. Das fand damals auf neutralem Grund im Gelsenkirchener Parkstadion statt. Wir kamen aus der Kabine in dieses grauenhafte Stadion und sahen in der einen Kurve 15.000 mitgereiste Fans aus Hamburg und auf der anderen Seite 250 aus Stuttgart. Dementsprechend war die Stimmung nach Abpfiff. Ich war bei weitem nicht der einzige, der geflennt hat.


 
Nach dem Abstieg verließen Sie St. Pauli, hatten Sie keine Lust auf die Zweite Liga?
Ich wäre nie aus Hamburg weggegangen, wenn wir nicht abgestiegen wären. Ich war 26 und hatte zehn Angebote von verschiedenen Bundesligisten vorliegen. Da war für mich vollkommen klar, dass ich nicht in die Zweite Liga gehe.
 
Sie hatten damals auch ein Angebot von Ihrem Jugendverein HSV. Das wäre doch die Chance gewesen, nicht umziehen zu müssen, aber trotzdem weiter erstklassig zu spielen.
Der HSV hatte mich damals angesprochen, weil Thomas Doll nach Rom gegangen war und sie einen Nachfolger brauchten. Aber nach meinen Jahren bei St. Pauli wollte ich da nicht hin. Ich bin damals persönlich auf die Geschäftsstelle gefahren, habe mich für das Angebot bedankt, aber abgelehnt. Das wollte ich unseren Fans einfach nicht antun.
 
Stattdessen gingen Sie nach Nürnberg. Hat Ihnen da die Nähe zu den Fans gefehlt, wie Sie es aus acht Jahren bei St. Pauli kannten?
Ehrlich gesagt, nein. Vor allem im ersten Jahr war die Atmosphäre beim Club super. Das Stadion war gerade neugebaut und galt als das Nonplusultra in Deutschland, zudem spielten wir eine beachtliche Saison. Wir hatten auch hier einen guten Kontakt zu den Fans und trafen uns öfter in einer Kneipe in der Altstadt.
 
Waren Sie eigentlich jemals bei einem Fanklubtreffen?
Das habe ich erst bei Nürnberg kennengelernt. Da war es so, wie das heute Standard ist: Vor Weihnachten wurde gelost, und jeder Spieler musste dann irgendwohin fahren. Bei St. Pauli gab es so etwas nicht, es war noch ungezwungener. Da hat der Ippig einfach gesagt: »Jungs, heute ist in einer Kneipe in Altona ein Kickerturnier ­– da gibt´s auch Bier umsonst!«, da sind wir dann mit vier Mann hingefahren und hatten einen netten Abend.
 
Nach Ihrer ersten Saison in Nürnberg wechselten Sie 1992 für eine Spielzeit zum Meister nach Stuttgart. Dort bestritten Sie ein Champions-League-Spiel im Camp Nou, allerdings nicht gegen den FC Barcelona, sondern gegen Leeds United. Wie kam es dazu?
Das war eine doofe Sache. Wir hatten Leeds im Hinspiel mit 3:0 nach Hause geschickt. Im Rückspiel haben wir dann vor der Pause das 1:1 gemacht und waren uns sicher, dass wir weiterkommen. Nach der Halbzeit kamen die Engländer auf den Platz, als ob sie Blut gesoffen hätten. Als wir das 1:4 kassierten, verlor unser Trainer Christoph Daum die Nerven und wechselte den Jugoslawen Jovica Simanic ein, der weiter köpfen als schießen konnte. Daum wollte auf Ergebnis spielen. Dummerweise war Simanic der vierte Ausländer auf dem Platz, der berühmte Wechselfehler von Daum. Die UEFA wertete das Spiel 0:3 gegen uns und setzte das Entscheidungsspiel im Camp Nou an.


 
In dem Sie in der Startelf standen und das zwischenzeitliche 1:1 markierten. Erfüllten Sie sich damit einen Kindheitstraum?
Ich war schon immer Barcelona-Fan und habe mich die ganze Woche auf das geile Stadion gefreut. Da passen 100.000 Zuschauer rein, doch wir spielten vor 2000 Fans aus Stuttgart und 3000 aus England, das war gespenstisch. Aber natürlich finde ich es nach wie vor geil, einmal in diesem Stadion gespielt und getroffen zu haben, auch wenn wir das Spiel 1:2 verloren.
 
Bei Leeds United spielte damals Eric Cantona. Wie groß war der Respekt?
Wenn man auf dem Platz steht, kriegt man das nicht so mit. Aber im Rückspiel in Leeds saß ich nur auf der Bank, da war der Cantona gigantisch. Die Engländer spielten jeden Ball lang auf ihn, und er hat sie vorne verteilt. Jeder hohe Ball hat gebrannt, das war beeindruckend.